Der Tempelberg bebt

Zum jüdischen Neujahrsfest wollen fromme Juden auf dem Tempelberg beten. Muslime fürchten, Israel wolle ihnen den heiligen Ort streitig machen. Und manche Juden wollen genau das. Eine explosive Mischung, die jetzt eskaliert ist.

Seit Sonntagabend liefern sich palästinensische Demonstranten und israelische Polizisten schwere Auseinandersetzungen in Jerusalems Altstadt. "Die Sicherheitskräfte sind in die Al-Aksa-Moschee eingedrungen und haben dort mit Gummikugeln und Tränengas geschossen", berichtete Dr. Mustafa Abu Sway vom Jerusalemer Rat für Islamische Angelegenheiten gestern auf telefonische Anfrage. Das sei "der Anfang einer neuen Phase", so der Islamwissenschaftler. Israels Polizei stationierte gestern 800 zusätzliche Sicherheitsleute in der Stadt.

Mit Mindesthaftstrafen für Steinewerfer, Bußgelderforderungen von Eltern minderjähriger Straftäter und Erleichterungen für die Sicherheitskräfte, das Feuer auf gewalttätige Demonstranten zu eröffnen, will Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu jetzt die Lage auf dem Tempelberg zur Ruhe bringen.

Die Kämpfe der jugendlichen Demonstranten , die sich in dem muslimischen Gebetshaus verschanzen, um von dort aus Steine und Brandsätze auf die israelischen Sicherheitskräfte werfen, gleichen den Ausschreitungen vor genau einem Jahr. Anlass war damals Israels Militäroperation nach der Entführung und Ermordung dreier Talmudschüler, die Ermordung eines 13-jährigen palästinensischen Jungen und schließlich der Krieg im Gazastreifen. Denkbar ist, dass der Tempelberg erneut als Schlachtfeld herhalten muss, um dem aufgestauten Unmut der Palästinenser seit dem Brandanschlag jüdischer Terroristen Mitte August in Duma Luft zu machen. Ein palästinensisches Ehepaar und ihr zweijähriger Sohn sind dabei ums Leben gekommen. In der letzten Woche hat zudem Israels Verteidigungsminister Mosche Jaalon zwei als "Glaubenswächter" vor der Al-Aksa-Moschee agierende Gruppen verboten. Die "Murabitat" von muslimischen Frauen und die muslimischen Männer der "Murabitun" seien "zentraler Grund für die vor der heiligen Stätte auftretenden Spannungen", begründete Jaalon. Die Frauen und Männer beider Gruppen versuchten, jüdische Besucher mit "Allah-ist-groß"-Rufen zu verscheuchen.

Der Tempelberg gilt als Pulverfass, denn er ist beiden Religionen heilig. Die Muslime glauben, dass von hier aus soll ihr Prophet Mohammed gen Himmel reiste. Gläubige Juden sagen, dass hier die Welt ihren Ursprung hatte. Nach biblischer Überlieferung soll einst Abraham an dem Felsen gestanden haben, bereit, Gott seinen Sohn Isaak zu opfern. Seit dem Sechstagekrieg 1967 und dem Beginn der Besatzung Israels gilt, dass Anhänger beider Religionen den Tempelberg besuchen dürfen, doch nur Muslimen ist es erlaubt, dort auch zu beten. Die Verantwortung für die muslimischen heiligen Stätte unterliegt Jordaniens Monarchie.

Nikolay Mladenov, UN-Sondergesandter im Nahen Osten, warnte vor einer Eskalation der Unruhen "weit über die Grenzen von Jerusalems Altstadt" hinaus. Der UN-Diplomat appellierte an die israelische Regierung, von "ernsthaften Provokationen" abzusehen, wie er die jüngst verhängten Besuchsverbote für muslimische Gruppen auf dem Tempelberg bezeichnete. Mladenov mahnte, "den historischen Status quo zu bewahren" und neue Verhandlungen über eine Zweistaatenlösung zu ermöglichen. Die "Spirale von Frustration, Angst und Gewalt" lasse den Glauben an einen Ausweg schwinden. Auch Jordaniens König Abdallah verurteilte die "israelischen Aggressionen". Er werde die Entwicklungen "aufmerksam beobachten und entsprechend reagieren", kündigte der Monarch an. Denkbar ist, dass König Abdallah wie in ähnlichen Fällen früher, erneut den Botschafter temporär aus Tel Aviv abziehen wird.