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Nach dem Mord von Frankfurt: Katastrophen brauchen nüchterne Antwort der Politik

Nach dem Mord von Frankfurt : Katastrophen brauchen nüchterne Antwort der Politik

Es mag etwas von dem Ritual haben, das stets folgt, wenn ein Verbrechen die Nation erschüttert: Politiker fordern Konsequenzen, Medien suchen Verantwortliche oder warnen vor vorschnellen Urteilen, Minister erklären den Fall zur Chefsache – als könnte durch Aktionismus das Unfassbare, Grausame ungeschehen gemacht werden.

Nein, der achtjährige Junge, der am Frankfurter Hauptbahnhof sinnlos und brutal aus dem Leben gerissen wurde, wird dadurch nicht wieder lebendig, das Leid der Eltern nicht kleiner, das Trauma des Zugführers nicht geheilt.

Und doch ist es zwingend, jetzt politisch über das Geschehen zu diskutierten, und richtig, dass Bundesinnenminister Seehofer wegen der Ereignisse in Frankfurt seinen Urlaub unterbricht. Man mag das als Schaufenster- oder Symbolpolitik abtun. Natürlich geht es dem Minister eher um ein Signal – aber ein wichtiges. Gerade angesichts der beschämenden Reaktion auf das Drama, oft anonym in den sozialen Netzwerken und offen durch AfD-Politiker, die ohne Kenntnis der Fakten nun gegen Flüchtlinge hetzen, ist es wichtig zu zeigen: Die Politik kann besonnen und ernsthaft mit dem Sicherheitsthema umgehen. Denn gefühlt oder faktenbasiert: Ereignisse wie in Frankfurt verstärken die Wahrnehmung, sich im öffentlichen Raum nicht mehr sicher fühlen zu können.

Tatsächlich sind durch Politik und Behörden nun viele Fragen zu klären. Legitimerweise auch die, wie künftig zu verhindert ist, dass im Europa offener Grenzen ein Mann, der in einem Schengenstaat wegen eines Gewaltdelikts gesucht wird, in einem anderen unter dem Radar der Polizei bleibt? Dann: Wie sieht es aktuell mit der Gefahr durch Nachahmungstäter aus? Immerhin wurden binnen zehn Tagen in Deutschland zwei Menschen durch Stoß vor einen Zug getötet.

Im konkreten Fall, bei der Sicherheit auf Bahnsteigen, wirken die Antworten bislang wenig durchdacht. Umbauten scheinen schon wegen der großen Zahl wenig sinnvoll, zumal die Gefahr an S-Bahnen, U-Bahnen und Bushaltestellen, an jeder Verkehrsampel bliebe. Hier hilft letztlich nur die eigene Achtsamkeit, ein gesundes Gefühl dafür, wie viel Zerstörungskraft von einem Zug oder Lkw ausgeht. Viele Menschen werden jetzt weiten Abstand zur Bahnsteigkante halten und häufiger über die Schulter blicken – eine verständliche und vernünftige Reaktion.

Die politischen Antworten auf ähnlich aufwühlende Fälle waren in der Vergangenheit mehr als Aktionismus. Seitdem vor vier Jahren der Germanwings-Kopilot Andreas Lubitz 149 Menschen mit sich in den Tod riss, sichern neue Regeln fürs Cockpit die Passagiere besser vor psychopathischen Einzelgängern. Seit 2016 auf dem Berliner Breitscheidplatz ein Lkw reichte, elf Menschen zu töten, sind Volksfeste durch Beton-Sperren gesichert. Überwachungskameras schrecken ab. All das hat Straftaten von Terroristen oder Psychopathen erschwert. Ganz verhindern, das wissen wir alle, kann man sie nicht. Diese Wahrheit zu sagen, gehört zur Glaubwürdigkeit der Politik – genauso wie das sichtbare Engagement für mehr Sicherheit.