Francesco Rizzi setzt mit "Cronofobia" ein Glanzlicht im Wettbewerb des Ophüls-Festivals

Blick auf 3. Spielfilm-Wettbewerbstag bei Ophüls : Väter & Söhne und letzte Identitätsfragen

Blick auf den morgigen dritten Wettbewerbstag des Ophüls-Festivals, der drei überzeugende Nachwuchsfilme und zwei Ausfälle bietet.

92 Minuten nur mit zwei Darstellern in einer einsamen Schlucht irgendwo in Tirol – daraus einen Spielfilm machen zu wollen, ist ein Wagnis. Rick Ostermanns „Lysis“, koproduziert vom SR und dem HR, ris­kiert es. Dass das Experiment gelingt, hat damit zu tun, dass Ostermanns im Stil einer Mockumentary (fiktionaler Dokumentarfilm) inszenierter Plot erstaunlich gut durch diese 90 Minuten trägt: Ein Vater nimmt seinen 16-jährigen Sohn, den er zehn Jahre lang nicht gesehen hat, mit auf ein Raftingtour durch einen Wildfluss. Felix, noch im Beerdigungsanzug (seine Mutter starb bei einem Unfall), lässt sich nur widerwillig auf  den von seinem Vater mit einer Go Pro (Kopfkamera) gefilmten Trip ein, dessen Konfliktpotenzial denn auch von beiden Seiten bald abgezapft wird. Mit dem Satz „Du wolltest ’nen Actionfilm, jetzt kriegst Du ihn“, leitet Felix dann die nächste Eskalationsstufe ein. „Lysis“ aber ist alles andere als ein Actionfilm. Vielmehr zeigt er durchaus subtil das Aufeinander-Angewiesensein der schnell proviantlos in unwegsamer Gebirgswildnis Umherrirrenden. Dass die Regie die Darsteller (Oliver Masucci und Louis Hoffmann) per Go Pro unter der Hand mit zu Kameramännern macht, verleiht „Lysis“ eine Direktheit und Dichte, die seine Glaubwürdigkeit nährt. Selbst seinen in dieser Hinsicht heiklen dramaturgischen Kipp-Punkt, das Offenlegen der Gründe für die zehnjährige Funkstille zwischen Vater und Sohn, nimmt man dem Film ab (Do: 17.30 Uhr, CS 3; Fr: 13.30 Uhr, CS 1; Fr: 20 Uhr, CS 8, Sa: 17 Uhr, CS 5; So: 15 UHr, CS 1; So: 17.30 Uhr, Thalia Lichtspiele Bous).

Ähnlich konsequent, wenn auch filmisch mit völlig anderen Mitteln, erzählt Carlos Morellis „Der Geburtstag“ eine weitere Vater-Sohn-Geschichte. Wieder geht es um väterliches Versagen und späte Einsichten. Matthias und Anna, längst getrennt, richten gemeinsam den 7. Geburtstag ihres Sohnes Lukas aus. Bloß pflichtgemäß angetreten, bleibt der Vater reiner Zaungast und lässt die Mutter alles alleine machen. Ein am Abend bei ihnen scheinbar „vergessener“ anderer Junge reißt Matthias (glänzend: Mark Waschke) von einem Albtraum in den nächsten, um zuletzt zu begreifen, was er in der Beziehung zu seinem eigenen Sohn alles falsch gemacht hat. Morelli entfaltet dies ebenso sparsam wie konzentriert; vor allem findet er dafür eine ästhetisch bezwingende Umsetzung: Ganz in Schwarzweiß gedreht, baut der in drei Kapitel aufgeteilte Film in seinem nachts spielenden zentralen Mittelstück dank ausgeklügelter Lichtdramaturgie nicht nur beständig ein latentes Spannungspotenzial auf. Der Farbverzicht ist hier auch weit mehr als ein dramaturgischer Kniff: Vielmehr ermöglicht er Morelli, mit einiger stilistischer Eleganz Kulissen zu verfremden, Wetter aufzuladen (Gewitter, Nebel, Regen) und manche Szenen bildmächtiger in Verlassenheit baden zu lassen. Am Ende wird daraus zwar kein großer Film. Dafür gelingt Morelli die Vermählung von etwas eigentlich Unvereinbarem: von Familienfilm und Film noir-Anleihen (Do: 19 Uhr, CS 1; Fr: 17.15 Uhr, CS 3; Fr: 22 Uhr, CS 2; Sa: 13 Uhr, CS 1; So: 18.15 Uhr, CS 5).

Zu Beginn von „Kaviar“ mag man noch glauben, Elena Tikhonovas sogenanntes Buddy-Movie (hier gegen den üblichen Strich mit einem Frauentrio in den Hauptfiguren besetzt) könnte das Zeug zu einer flott-überdrehten Komödie haben. Doch wird man bald eines Schlechteren belehrt. Derart plattitüdenhaft, wie Tikhonova ihre Story dann aufzieht, vermögen sie auch ihre besseren Darsteller (namentlich Georg Friedrich und Simon Schwarz) nicht zu retten. „Kaviar“ kreist um einen russischen Oligarchen, der sich in den Kopf gesetzt hat, sich mitten auf einer Wiener Donaubrücke eine Villa errichten zu lassen – und dazu vor keiner Bestechung Halt macht. Das besagte, entsetzlich holzschnittartige Frauen-Trio versucht, wahlweise von Eifersucht oder Kapitalismuskritik getrieben, den korrupten Männerhaufen zur Strecke zu bringen (und einen Teil der Kohle selbst einzustreichen). Mäßig komisch stolpert dieser Film von einem Klischee ins nächste – offenbar beseelt davon, dass man uns Zuschauern jeden Mist und Klamauk als filmische Zerstreuungsware vorsetzen kann – ein Tiefpunkt im Wettbewerb (Do: 19 Uhr, CS4; Fr: 11 Uhr, CS1; Sa: 12.30 Uhr, Thalia Lichtspiele Bous; Sa: 15 Uhr, CS2; So: 17.30 Uhr, CS1).

Nicht sehr viel besser macht es Ziska Riemann in ihrer Superheldinnen-Tragikomödie „Electric Girl“. Die 20 Auftaktminuten bereiten das Abdriften ihrer Hauptfigur Mia in eine wahnhafte Parallelwelt noch halbwegs behutsam vor und setzen auch ein paar psychologische Zwischentöne. Dann aber regiert immer mehr die Klischee-Keule: Je mehr Mia sich mit den übersinnlichen Kräften der von ihr synchronisierten Anime-Figur Kimiko beseelt wähnt, desto mehr driftet „Electric Girl“ in einen eher dürftigen Verschnitt aus Animestreifen und Komödie ab. Aufgelockert durch Anime-Sequenzen, in denen Kimiko in Tokio gegen die sich in einem Wasserkraftwerk einnistenden, finsteren Yoka kämpft, dekliniert Riemann vor allem Mias Verwechseln von Fantasy und Realität durch: Aus Tokio wird Hamburg. Mias notorisch rauchender Nachbar im Unterhemd wird kimikogleich kurzerhand ihr „Assistent“ und sie selbst mit Flug- und Zuschlag-Qualitäten ausgestattet: Fertig ist das Abziehbild. Gut möglich, dass so etwas schnell passiert, wenn gleich vier Superhirne für ein derart hanebüchenes Drehbuch verantwortlich zeichnen. Wer bis zum Ende durchhält, wird immerhin noch mit einer großartigen Unterwasser-Slowmotion belohnt (Do: 20 Uhr, CS 3; Fr: 16.30 Uhr, CS 1; Fr: 21.45 Uhr, CS 3; Sa: 12 Uhr, CS 5; So: 19.45 Uhr, CS 3).

Exzellentes Kino bietet dafür Francesco Rizzis ebenso rätselhafter wie elegischer Film „Cronofobia“, der mustergültig vorführt, dass das Nicht-Auserzählen von Geschichten dem Kino immer noch die größten Reichtümer beschert – aber auch eines der größten, hier nahtlos aufgehenden filmischen Kunststücke bleibt. Ein im Stil eines Privatdetektivs agierender Kundenservice-Tester exklusiver Geschäfte, der die Geldunterschlagung eines Bankers aufgedeckt und diesen so in den Selbstmord getrieben hat, tastet sich stalkergleich an dessen Frau heran. Suter (grandios: Vinicio Marchioni) steht mit seinem Transporter, in dem er ein kleines Apartement eingerichtet hat, anfangs vor Annas Haus. Nach und nach nähern sich beide an, um sich wie zwei Magnete immer wieder voneinander abzustoßen. Rizzi koppelt seine Beziehungsstudie lose mit Motiven einer Bukowski-Erzählung, in der ein Lonesomer (und Wahlverwandter Suters) die Anonymität einer Raststätte als idealen Zufluchtsort für sich begreift. Simon Guy Fässlers vorzügliche Kamera malt, wie ein zweiter William Egglestone, dazu viel Leere atmende Tag- und Nachtbilder von Tankstellen, Bahngleisen und Unterführungen. Rizzi hält seinen bravourös Bildmetaphern ausstreuenden Film dabei, diese passgenau zu einem Szenenreigen ineinanderfügend, in einem beglückenden Schwebezustand. So wie Suters Job ein Spiel mit wechselnden Identitäten ist, inszeniert Anna (splen­did: Sabine Timoteo) ihn umgekehrt als Wiedergänger ihres Mannes. Nichts wird aufgelöst in diesem Film, der ein kostbares visuelles Rätsel bleibt (Do: 21.30 Uhr, CS 1; Fr: 10 Uhr, CS 5; Fr: 21 Uhr, Camera Zwo; Sa: 12.45 Uhr, CS 3; So: 17.30 Uhr, CS 8).

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