Zwei herausragende Uraufführung im Doku-Wettbewerb des Ophüls-Festivals

Dritter Ophüls-Doku-Wettbewerbstag : Geduldige Humanoide und schwierige NGO-Missionen im Kongo

Der morgige, letzte Doku-Wettbewerbstag wartet noch einmal mit zwei herausragenden dokumentarischen Uraufführungen von gesellschaftlicher Relevanz auf.

Bestechend in ihrer Machart (Kamera, Schnitt und Sounddesign) und gespenstisch in ihren Ausblicken ist Isa Willingers fulminante Doku „Hi, A.I.“ über unser kommendes Zusammenleben mit Humanoiden – kurz vor Festivalbeginn treffenderweise in „We are the robots“ umbenannt. Willingers Filmessay blickt hinter die Kulissen von Wissenschaftslabors, lässt (meist in Off-Kommentaren) KI-Forscher zu Wort kommen, fängt das noch asynchron verlaufende Zusammenleben des (längst ikonenhaften) Humanoiden Pepper mit einer älteren Japanerin in Tokio ein und begleitet nicht zuletzt einen Amerikaner quer durch Amerika: In seinem Wohnmobil reist er mit einer sexbombenhaften Roboterfrau. Das Lachen über die Absurdität ihrer Dialoge am Lagerfeuer oder Esstisch bleibt im Hals stecken. Nicht alleine, weil die oft Wikipedia-Definitionen abspulende Begleiterin für Chuck, der als Kind missbraucht wurde, als Zuhörerin herhalten muss. Sondern auch, weil wir hier ein Stück vollends entfremdeter Zukunft sehen (Do: 19.45 Uhr, CS2; Fr: 15.15 Uhr, CS2; Sa: 10.30 Uhr, CS4; So: 16 Uhr, CS5).

Nicht viel mehr als ein postpubertäres Film-Experiment ist Felicitas Sonvillas Geschwisterporträt in eigener Sache „Mein Bruder kann tanzen“. Ihr Film ist eine Art Beziehungstherapie mit dem Ziel, sich ihrem Bruder wieder durch eine gemeinsame Reise an Wohnorte ihrer Kindheit und Jugend (Brüssel und Helsinki) anzunähern. Aufgetankt mit reichlich Narzissmus, wägen beide ihren künstlerischen Marktwert und ihre Gunst auf Elternseite ab. Unterm Strich bleiben davon ein paar schöne Bilder zurück. Auf ärgerliche Weise überwiegen jedoch zur Schau gestellte Planlosigkeit und infantiles Herumprobieren (Do: 22.15 Uhr, CS 2; Fr: 13 Uhr, CS 8; Sa: 10 Uhr, CS 5, So: 20.30 Uhr, CS 5).

Aufschlussreiche Schlaglichter auf die Entwicklungshilfearbeit dreier Idealisten, die jahrelang im krisengeschüttelten Ostkongo Projekte anschieben, wirft Stephan Hilpert in seiner sehenswerten Doku „Congo Calling“. Ihre Bilanz ist zwiespältig und teils desillusionierend. Raúl, später in Berkeley lehrender spanischer Ökonom, koordiniert vor Ort ein NGO-Projekt, wagt sich in Rebellengebiet (wo sich die Guerilla ihres Kannibalismus’ brüstet) und nimmt von alledem mit, dass „Wahrheiten immer gesellschaftlich konstruiert“ sind, weshalb jedes Urteil immer kulturell begründet sei. Sein Mut und seine Ausdauer ist fraglos heldenhaft. Peter (65) bricht nach Jahrzehnten als Entwicklungshelfer, im Ostkongo mittellos geworden, die Zelte ab. Und die toughe Belgierin Anne-Laure mit dem Potenzial, Kulturmauern niederzureißen, die mit ihrem Freund in Goma ein legendäres Musikfestival managte, kehrt zuletzt zurück nach Europa. In der Bipolarität von Liebe und Politik wollte sie andere Prioritäten setzen als sich ihr für Regimekritik statt Rückzug ins Private entscheidender kongolesischer Freund. „NGOs schaffen nur Parallelstrukturen, ohne die eigentlichen Ursachen zu bekämpfen“, sagt ein kritischer afrikanischer Kopf an einer Stelle des Films. NGOs aber könnten nicht einen schwachen Staat ersetzen – selten dürfte eine Afrika-Doku in 90 Minuten mehr Stoff zum Nachdenken gegeben haben (Do: 20 Uhr, CS 5; Fr: 12.30 Uhr, CS 2; Sa: 10 Uhr, CS 2; So: 15 Uhr, CS 8).

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