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Musikalische Familienbande

Jacques Brel als Ständchen in außergewöhnlicher Besetzung zu Großmutters 90. Geburtstag: Tobie, Joseph, François, Suzanne, Véro-nique und Bruno Bastian (v. l.) 2011 im Garten des Elternhauses in Sch{oelig}neck. Fotos: privat
Jacques Brel als Ständchen in außergewöhnlicher Besetzung zu Großmutters 90. Geburtstag: Tobie, Joseph, François, Suzanne, Véro-nique und Bruno Bastian (v. l.) 2011 im Garten des Elternhauses in Sch{oelig}neck. Fotos: privat
Sch{oelig}neck/München. Wenn am Freitag das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in Saarbrücken spielt, sitzen im Orchester drei Geschwister, die im lothringischen Sch{oelig}neck aufwuchsen. Sie stammen aus einer außergewöhnlichen Familie: Alle sechs Kinder sind Profi-Musiker. Von SZ-RedakteurJohannes Kloth

Es muss Anfang der 90er gewesen sein, Joseph Bastian war noch nicht mal im Pubertätsalter. Im Elternhaus im lothringischen Dörfchen Sch{oelig}neck direkt an der Grenze zu Gersweiler hört Bastian eine Karajan-Aufnahme von Bruckners 7. Sinfonie. Den wehmütigen zweiten Satz, die Trauermelodie mit den mächtigen Wagner-Tuben. Für Bastian klingen sie wie ein Lockruf, der ihm klar macht, wo er einmal hin will: in ein Orchester. Als Profimusiker.

Heute hat der mittlerweile 32-Jährige die Jugendzeit in Sch{oelig}neck längst hinter sich gelassen. Als wir mit ihm telefonieren, sitzt er im Auto auf dem Weg ins oberbayerische Germering: Proben für die große Sommertournee des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, die am Freitag beginnt. Ausgerechnet mit einem Gastspiel in Saarbrücken. Bastian hat sich seinen Traum erfüllt: Er ist Posaunist der BR-Symphoniker. Und: Er ist hier mitnichten der einzige, der auf den Namen Bastian hört. Wenn er am Freitag die Bühne des E-Werks betritt, nehmen seine Schwester Véronique (29, Oboe) und sein Bruder François (26, Horn) direkt vor ihm Platz. Drei Geschwister gemeinsam in einem der besten Orchester Deutschlands - alleine das wäre kurios. Doch es kommt noch besser: Auch die anderen drei der sechs Bastian-Geschwister sind Profimusiker. Tobie (34) als Solo-Kontrabassist am Pfalztheater Kaiserslautern, Bruno (33) ist Trompeter in der Staatskapelle Halle, Suzanne (27) Oboistin im Gewandhausorchester Leipzig.

Die Neigung zur Musik kam bei den Geschwistern nicht von ungefähr. "Zuhause liefen oft Bach-Kantaten, wir haben viel gesungen und besaßen ein Abonnement des Rundfunk-Sinfonieorchesters Saarbrücken", erzählt Joseph Bastian. Vater Clément, ein passionierter Hobby-Cellist, arbeitet als Mathematiklehrer, Mutter Michèle leitet in ihrer Freizeit zwei Chöre. "Beide Eltern lieben die Musik, sind aber nicht im Profibetrieb tätig", sagt Bastian. "Es war unsere eigene Leidenschaft, die uns dahin gebracht hat, wo wir sind."

Mindestens zwei Instrumente lernte jedes Kind, ein Blas- und ein Streichinstrument, zunächst an der Musikschule Forbach, später am Konservatorium in Metz und an deutschen Musikhochschulen - vier Geschwister (zum Teil bereits als Jungstudenten) an der Hochschule für Musik Saar. "Zuhause gab es immer ein Gerangel, wer üben darf", erzählt Bastian. "Das Haus ist groß, aber auch nicht riesig, Luxus gab es nicht." Natürlich habe jeder auch mal Phasen des Zweifelns durchlaufen, gerade die Zeit um das Abitur, die nur aus Lernen und Üben bestand, sei hart gewesen. Aber Druck hätten die Eltern nie ausgeübt. Zu sehen, welche Möglichkeiten die Instrumente den älteren Geschwistern eröffneten - zum Beispiel mit dem Landes-Jugend-Symphonie-Orchester Saar auf Tour zu gehen - genügte als Motivation. Das LJO war für alle die erste Anlaufstation, danach trennten sich die Wege.

Mittlerweile ist München eine neue familiäre Hochburg. Schön sei es, die Geschwister so nah um sich zu haben, sagt Bastian, der mittlerweile selbst Familienvater ist. Und ein großer Zufall, denn alle drei seien unabhängig voneinander beim BR-Orchester gelandet.

Wenn Bastian von seiner Arbeitsstätte pricht, gerät er ins Schwärmen. Eine "ganz große Zeit" sei es momentan für ihn, die Stimmung im Orchester einfach wunderbar, auch weil es Chefdirigent Mariss Jansons gesundheitlich wieder gut gehe. Dessen Probenarbeit sei "einmalig", sagt Bastian, "beeindruckend effizient" und voller "magischer Momente".

Mittlerweile kann der Posaunist auf Gast-Engagements in großen Orchestern wie den Berliner Philharmonikern zurückblicken, auf Auftritte mit Dirigenten wie Claudio Abbado oder Kent Nagano, er spielte bereits in der New Yorker Carneggie Hall und bei den Proms in London. Und er ist als Leiter des Universitätsorchesters in München selbst als Dirigent tätig. Angesichts solcher Erfolge: Drückt man da bei Auftritten in der Provinz schon mal auf die Bremse? Werden sich die Bayern in Saarbrücken möglicherweise für ihren großen Auftritt in Salzburg am darauffolgenden Sonntag schonen? "Auf keinen Fall", kommt Bastians prompte Antwort. Ein Orchester dieses Formats habe einen Ruf zu verteidigen. "Wir geben immer 100 Prozent". Bastian wohl erst recht. Für ihn und seine Geschwister ist die Rückkehr in die Heimat etwas Besonderes. Als der Tourneeplan stand, habe er gleich bei google maps geschaut, wo die Musiker in Saarbrücken unterkommen. "Eigentlich könnten wir auch zuhause übernachten", sagt er lachend. "Das Hotel ist keine zwei Kilometer von unserem Elternhaus entfernt."

Am Freitag spielen Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks mit dem WDR Rundfunkchor unter Leitung von Mariss Jansons Mahlers Sinfonie Nr. 2 c-Moll, Tickets im Internet unter: www.musikfestspielesaar.de



Schnappschuss im Tourbus nach einem Auftritt in Paris. Die drei Münchner Bastians: François, Véronique und Joseph (v. l.).
Schnappschuss im Tourbus nach einem Auftritt in Paris. Die drei Münchner Bastians: François, Véronique und Joseph (v. l.).