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Rettungskräfte
Die Gewalt gegen die Helfer in der Not ist eine Zumutung

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Werden Kinder nach ihrem Traumberuf befragt, landen Feuerwehrmann, Polizist und Arzt stets ganz weit vorne. Wenn es allerdings so weitergeht, dürfte sich das ändern. Von Thomas Schäfer
Thomas Schäfer

Sanitäter werden gewürgt, Notärzte geschlagen und gebissen, Feuerwehrleute mit Böllern und Flaschen beworfen: Häufig haben in diesem Jahr solche unglaublichen Taten Schlagzeilen gemacht. Manchmal musste man den Eindruck gewinnen, Rettungskräfte in Deutschland seien Freiwild geworden. Zwar lässt sich nicht zweifelsfrei belegen, dass die Gewalt gegen Helfer zunimmt, fest steht jedoch: Wer in diesem Land Menschen in Not hilft, lebt gefährlich. Allein das ist eine schwer zu ertragende Zumutung.


Dass es Probleme gibt, kann niemand wegdiskutieren. Nicht ohne Grund verlangt die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft jetzt sogar Polizeischutz für Silvester. Zu präsent sind noch die Erinnerungen an den letzten Jahreswechsel, als die Lage speziell in Stuttgart, Dortmund und Berlin eskalierte. Die Feuerwehr hat Angst, dass es diesmal noch schlimmer wird.

Ob die Situation allgemein schlimmer ist als früher, lässt sich schwerlich sagen, weil wirklich belastbare Daten fehlen, was sich dringend ändern muss. Statistiken legen eine Zunahme der Gewalt nahe, andererseits konnte genau dies in einer großen Studie der Ruhr-Uni nicht bestätigt werden. Sehr wohl aber sei im Zuge einer Verrohung der Gesellschaft die körperliche Gewalt gegen Retter brutaler geworden, hieß es. Die Täter waren meist Männer zwischen 20 und 40, oft war Alkohol im Spiel. Dass auch ein Migrationshintergrund eine Rolle spielen kann, verschweigt die Studie nicht. Es gebe „Handlungsbedarf hinsichtlich interkultureller Kompetenzen“, lautet das verquaste Fazit der Wissenschaftler in diesem Punkt.



So unterschiedlich die Gründe sein mögen, handgreiflich zu werden oder einen Helfer zu beschimpfen, so eindeutig muss die Reaktion des Staates, der Gesellschaft insgesamt ausfallen. Sie kann nur „Null Toleranz“ lauten. Dazu muss die oft zur Floskel verkommene „volle Härte des Gesetzes“ zum Tragen kommen, auch lohnt sich die Debatte um höhere Mindeststrafen ebenso wie jene über ungewöhnliche Mittel wie einen Führerscheinentzug. Daneben sollten Rettungskräfte noch besser vorbereitet werden auf Extremsituationen, mit Deeskalationstraining, mit Selbstverteidigungskursen. Und es muss eine Vielzahl weicher Maßnahmen geben, um einen Wandel in den Köpfen – übrigens auch der geschmacklosen Gaffer – zu erreichen. Eine jetzt im Saarland vorgestellte „Schutzschleife“ nach dem Vorbild Hessens als Zeichen der Solidarität mit den Einsatzkräften ist dafür ein schönes Beispiel. Ein bundesweiter Ehrentag für Polizei und Feuerwehr, wie ihn Niedersachsens Innenminister ins Spiel gebracht hat, ebenfalls.

Es kann jedenfalls nicht sein, dass – wie in Frankfurt geschehen – Feuerwehrleute und Retter auf die Straße gehen müssen, um für mehr Respekt zu demonstrieren. Wo sind wir denn? Wobei wir uns nichts vormachen dürfen: Idioten wird es immer geben. Leider werden es offensichtlich nicht weniger.