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Terror in der Hauptstadt
Die politische Schande hinter dem Attentat von Berlin

FOTO: SZ / Roby Lorenz
Der Anschlag auf die Besucher des Weihnachtsmarktes an der Berliner Gedächtniskirche hat die ganze Verwundbarkeit unserer Gesellschaft gegenüber einem solchen Fanatismus gezeigt. Sie war trotz aller brutalen Vorbilder aus anderen Ländern nicht darauf vorbereitet. Sie war es nicht vor dem Anschlag, nicht danach und sie ist es in gewisser Weise auch heute noch nicht. Unsere Gesellschaft ist friedfertig, das ist gut. Sie ist aber auch vergesslich und naiv, in manchem so wenig wehrhaft wie eine ungesicherte Schafherde im Wolfsgebiet. Von Werner Kolhoff

Die Blauäugigkeit fing damit an, dass vor einem Jahr keine Betonpoller diesen so prominenten Weihnachtsmarkt schützten, wie auch die anderen Weihnachtsmärkte in Deutschland nicht geschützt waren. Obwohl man spätestens seit Nizza wusste, dass die Terroristen die Methode der Tötung mittels Lastwagen benutzten und Weihnachtsmärkte zu ihren Zielen zählten. Und sie hört damit auf, dass auf dem Mahnmal, das heute enthüllt wird, nur stehen wird: „Zur Erinnerung an die Opfer des Terroranschlages am 19. Dezember 2016.“ Nicht, dass es ein islamistischer Terroranschlag war. Warum so zurückhaltend?


Dazwischen liegt eine regelrechte Kette von Fehleinschätzungen, Versagen und Unsicherheit. Wenn sich nur ein einziger Beamter in den Sicherheitsbehörden von seiner (falschen) Routine gelöst hätte, wenn sich nur einer verantwortlich gefühlt hätte, dann hätte der Anschlag nie stattgefunden. Dann würden die zwölf Menschen noch leben, denn der Täter wäre längst abgeschoben gewesen. Die Behörden hatten ihn so deutlich auf dem Schirm wie kaum einen anderen Gefährder, sie hatten so viel gegen ihn gesammelt, dass es für drei Abschiebungen gereicht hätte – alle aber schoben nur die Verantwortung hin und her. Bis es zu spät war. Kein einziger Beamter ist deswegen abgelöst worden. Kein einziger Senator in Berlin oder Minister in Nordrhein-Westfalen hat deswegen seinen Rücktritt erklärt. Das ist und bleibt die große politische Schande hinter diesem Attentat.

Die zweite liegt im Umgang mit den Opfern. Das fängt ganz oben an, bei der Kanzlerin. Erst gestern fand Angela Merkel Zeit und Kraft für ein Treffen mit den Hinterbliebenen. Vor einem Jahr wollte man den Anschlag nicht zu hoch „hängen“, weil er wie ein Beweis für die These der Rechten wirkte, dass man sich mit den Flüchtlingen den Terror ins Haus geholt habe. Dabei gehörte der Täter gar nicht zu den Syrien-Flüchtlingen. Die Unfähigkeit, mit den Opfern adäquat umzugehen, zeigte sich auf allen Ebenen und ging bis dahin, dass die Familien Rechnungen für die Obduktionen zugeschickt bekamen. Obwohl der Terrorismus, der islamistische zumal, ein weltweites Phänomen ist, obwohl er in kleinerem Umfang vorher auch in Deutschland schon zugeschlagen hatte, gab und gibt es bis heute keine Kultur der Hilfe für seine Opfer. Das muss rasch anders werden.



Der Schäfer, um im Bild zu bleiben, muss sich darauf einstellen, dass seine Herde angegriffen werden kann. Er muss Vorkehrungen treffen. Konsequenter als bisher. Weil die Welt so ist, wie sie ist.