| 20:31 Uhr

Zusammenschluss Thyssen-Krupp mit Tata
Eine Stahlverlobung und ein Traditionsbruch

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Meinung Die geplante Fusion der Stahlsparten von Thyssen-Krupp und der europäischen Stahlaktivitäten des indischen Konzerns Tata rückt näher. Mit der jetzt unterzeichneten Absichtserklärung soll der Grundstein für ein Gemeinschaftsunternehmen gelegt werden, das zusammen 48 000 Mitarbeiter beschäftigt und 15 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet. Von Lothar Warscheid
Lothar Warscheid

Betriebswirtschaftlich macht dieser  Zusammenschluss Sinn. Beide Unternehmen produzieren weitgehend dünne Stahlbleche für die verschiedensten Anwendungen – unter anderem für Automobil-Karosserien. Hier die Kräfte zu bündeln, ist angesichts der  Überkapazitäten und der Preisentwicklung in diesen Marktsegmenten durchaus überlegenswert. Dadurch können Synergien gehoben werden, indem beispielsweise die produktivsten Werke weiterbetrieben werden. Auch bei Forschung und Entwicklung, im Einkauf oder im Vertrieb wirken Größenvorteile am Ende kostendämpfend.



Auf der anderen Seite bahnt sich hier ein historischer Traditionsbruch an. Denn Thyssen-Krupp ist nicht irgendwer in der bundesdeutschen Industriewelt. Die Unternehmen verkörpern Ruhrgebiets-Dynastien, die zu den Treibern der Industrialisierung Deutschlands gehörten und die damit auch die Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts miterlebt und miterlitten haben. Zu dieser Geschichte gehört zum einen das dunkle Kapitel, dass sie von den Kriegstreibern des Ersten und Zweiten Weltkriegs zu ihren Waffenschmieden auserkoren wurden. Sie ermöglichten mit ihren Produkten und Verfahren andererseits aber auch den Aufstieg der deutschen Wirtschaft ab den 1950er Jahren.

Bei Thyssen-Krupp sind die Mitarbeiter zudem auch stolz auf die Errungenschaften der Montanmitbestimmung. In wenigen deutschen Unternehmen haben die Beschäftigten einen so großen Einfluss auf Entscheidungen wie bei diesem Industriekonzern. Ohne die Gewerkschaft IG Metall geht quasi gar nichts.

Daher stößt den Metallern besonders bitter hoch, dass die Absichtserklärung mit Tata unterzeichnet wurde, ohne dass mit ihnen Rücksprache gehalten wurde. Für Ende der Woche sind daher schon die ersten Demonstrationen angekündigt. Die Gewerkschafter sind auch nicht die sturen Nein-Sager, die sich aus Prinzip einer Lösung verschließen, wie der Stahlbereich des Essener Konzerns überlebensfähig und ausreichend profitabel gemacht werden kann. Sie schlugen beispielsweise einen Börsengang nach dem Vorbild der Salzgitter AG vor. Auch ein Stiftungsmodell, bei dem die saarländische Stahlindustrie als Blaupause dienen könnte, wurde ins Gespräch gebracht. Dass die Konzernleitung von Thyssen-Krupp auf diese Vorschläge überhaupt nicht einging, macht sie besonders wütend. Denn sie wissen, dass die angestrebten Synergien auch mit dem Verlust von vielen Arbeitsplätzen verbunden sind. Daher ist das letzte Wort über diese Fusion noch nicht gesprochen. Vermutlich steht dem Ruhrgebiet ein heißer Stahlherbst bevor.