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Saarländische Architekten und ihr Haus
Wenn Architekten selber bauen

Architekt Jens Stahnke im 170 Quadratmeter großen Obergeschoss des Hauses, das 2017 den Preis des Bundes deutscher Architekten für Architektur und Städtebau im Saarland erhalten hat.
Architekt Jens Stahnke im 170 Quadratmeter großen Obergeschoss des Hauses, das 2017 den Preis des Bundes deutscher Architekten für Architektur und Städtebau im Saarland erhalten hat. FOTO: Astrid Karger
Saarbrücken. Was verwirklichen Architekten, wenn sie selbst Bauherren sind? Wenn sie ihr eigenes Haus bauen? In loser Folge stellen wir saarländische Architekten vor, die ihr Haus selbst entwarfen. Zum Auftakt die Saarbrücker Architekten Daniela Flor und Jens Stahnke. Von Astrid Karger

Mit ihrem Büropartner Mario Krämer fanden Jens Stahnke und Daniela Flor von „Flosundk“ in Saarbrücken einen Bauplatz am Echelmeyerpark, mit Blick auf die Stadt und ins Grüne. Ein Stadthaus sollte es sein, Tag und Nacht belebt, ein Ort zum Wohnen und Arbeiten. Flexible Nutzung, nicht ein Einfamilienhaus mit Arbeitszimmer, sondern eine echte Hausgemeinschaft.


Eine befreundete Architektin bewohnt das mittlere Geschoss, das gemeinsame Büro ist im Erdgeschoss. Die Idee einer Gemeinschaftsküche wurde als zu kompliziert in der Eigentumsfrage verworfen. Mit den Worten „Re-Urbanisierung,“ „Restflächennutzung“ und „Verdichtung“ umreißt der Stadtgestalter Stahnke den über das persönliche Wohl hinausgehenden Anspruch an den hochaufragenden, blockartigen Bau. Die Fenster sind nicht in die Wand eingelassen, sondern schließen mit der Außenfläche ab und unterstreichen so den „monolithischen Charakter“ – das wie aus einem Stein Gehauene des Kubus. Der Bau ist vollständig recyclebar, es wurden nur natürliche Materialien verbaut.

„Materialehrlichkeit“ war den Architekten wichtig – Holz, Beton. Für die Generation seiner Eltern heiße Beton vor allem „Bunker,“ erzählt Jens Stahnke, der ins Schwärmen gerät, wenn er die feine Zeichnung der sedimentartig geschichteten Betonwände betrachtet, innen wie außen. Für ihr Haus wurde die traditionelle Handwerkskunst angewendet, der Beton also mit Kübeln in die Verschalung gegossen. Ein wahrer Baukünstler hat die Außenverschalung auch über Eck so präzise angefertigt, dass gleichmäßige Linien und Holzmaserung die Außenwand zieren. Der Dämmbeton ist eine auf Tragfähigkeit und Energieeffizienz optimierte Spezialanfertigung.



Das sei ja wie am Pariser „Montmartre“ habe mal ein Besucher mit Blick auf die Rotenbergtreppe ausgerufen, erzählt Stahnke. Einen Rahmen (und damit eine „Wertschätzung“ für das, was die Welt hier so zu bieten hat) bilden die großen Fenster in alle vier Himmelsrichtungen. Der kleine Park; die wie Spielzeugbahnen dahinziehenden Züge; die denkmalgeschütze Mügelsbergschule; der in eine Lichtfantasie verwandelte Turm des Heizkraftwerks – all das sieht man von hier. Die Fensterlaibungen bestehen in der ganzen Tiefe der 50 Zentimeter dicken Hauswand aus gewachstem Eichenholz, dadurch entstehen gemütliche Nischen zum Sitzen. Form und Aufteilung der Fenster korrespondieren mit denen der Mügelsbergschule. 900 Kilo wiegt das größte der Fenster, es ist fast vier Meter breit und über zwei Meter hoch. Die Architekten suchten eine stete Verbindung von Innen und Außen.

Das Haus baut auf Offenheit, Zugänglichkeit, Verbindung. Ein Leitgedanke für die Gestaltung der Innenräume war, „rund gehen zu können“ und nicht in „Sackgassen“ zu landen. Bewegung und Interaktion kennzeichnen die Flosundk-Architektur, die auf das Miteinander der Bewohner zielt. „Räume beeinflussen das Zusammenleben der Menschen,“ sagt Jens Stahnke. Und dass er ungern Räume entwerfe, die Türen haben: Niemand soll sich isolieren. In den Büroräumen am Mügelsberg ist das folgerichtig auch nur auf der Toilette möglich. Den Wohnräumen fehlt jeder Schnörkel: Sichtbeton, gerade Linien und (auch das irgendwie materialehrlich) Schaffelle auf den Esstischstühlen. Kinderspielzeug sorgt für ungeplante Farbtupfer. Die Sofakissen sind blau und gelb. Golden schimmert die Kücheninsel – ein Spiel mit dem einfallenden Sonnenlicht, das optisch die Wärme der Energiezentrale Küche unterstreicht. Natürlich kann man auch diese umrunden.

Die Südfassade wird oben von einer Loggia gekrönt, einem überdachten Riesenbalkon, den Baumwipfeln nahe, zugleich ein Sonnenschutz für den großen Wohnraum dahinter. Den erhellt zusätzlich zu den großen Fensterfronten auch noch ein Oberlicht. Hell und offen sollte es innen sein, und das ist es auch. Und außen ist es eben das, was Architekten ein „statement“ nennen. Die Entwürfe von flosundk lassen nicht unberührt, sie erzeugen Spannung, polarisieren auch. Die Umgebung ist immer mitgedacht, Bauen verpflichtet in der ­flosundk-Philosophie auch zu Stadtentwicklung, die mit der gesellschaftlichen Entwicklung Schritt hält. Am Eurobahnhof fällt das Bürogebäude der Firma Ergosign ins Auge, eine große schwarze Kiste von flosundk. Die jungen Mitarbeiter im Alter zwischen 20 und 25 fühlen sich wohl, sie bewegen sich frei im ganzen Gebäude, nutzen das „Forum,“ den großen Gemeinschaftsraum, und vor allem den Paketraum, in dem sie all ihre zum Arbeitsplatz bestellten Waren und Retouren bis zum Feierabend lagern können. Ein möglichst repräsentatives Büro hingegen bedeutet ihnen nichts.

Das Stadthaus von flosundk am Saarbrücker Mügelsberg, das „wie in der Renaissance, Arbeiten und Leben am selben Ort“ vereint, so die Erbauer, erhielt 2017 den Preis des Bundes deutscher Architekten für Architektur und Städtebau im Saarland. Wer es besucht hat, kann verstehen, weshalb.

Blick auf das vom Saarbrücker Architektenbüro „Flosundk“ entworfene Saarbrücker „Stadthaus am Mügelsberg“.
Blick auf das vom Saarbrücker Architektenbüro „Flosundk“ entworfene Saarbrücker „Stadthaus am Mügelsberg“. FOTO: Astrid Karger