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Auftritt von Pussy Riot in Saarbrücken

Saarbrücker „Punk-Manifest“ : Gelebter Feminismus mit Pussy Riot

„Ich bin frei, doch wie sieht es mit Ihnen aus?“: Der Saarbrücker Auftritt des russischen Protestkunst-Kollektivs gerät zum großen Punk-Manifest.

Pussy Riot. Was war das noch gleich?  Waren das nicht diese rebellischen jungen Frauen, die vor einer geschätzten Ewigkeit in Sturmhauben und kurze Kleider gehüllt in einer russischen Kirche performten, um die enge Bindung zwischen russischer Regierung und orthodoxer Kirche zu kritisieren? Waren das nicht diese hübschen, aber aufständigen Frauen, die dann von Präsident Putin mehr oder weniger zum Staatsfeind Nummer eins erklärt wurden und zu einer ungewöhnlich hohen Strafe von zwei Jahren Freiheitsentzug im Straflager verurteilt worden waren? Alles Schnee von gestern. Man glaubt die Geschichte zu kennen. Genau da liegt das Problem: Man glaubt es eben nur. Eigentlich kennt man nur das, was die Medien daraus gemacht haben. Das Ergebnis: Vor allem im Westen werden die Frauen von Pussy Riot als so etwas wie „Punk-Popstars“ angesehen. Nicht mehr und nicht weniger.

„Nicht unsere Geschichte, sondern ihre! Nicht unser Land, sondern ihres!“, brüllt daher Maria Alyokhina, eine der drei damals inhaftierten Frauen, am Dienstag bei der Aufführung ihres Theaterstückes „Riot Days“ von der Bühne der Saarbrücker Garage. „Riot Days“ („Tage des Aufstandes“), so heißt auch Alyokhinas Buch, in dem sie die Geschichte von Pussy Riot erzählt: Angefangen bei der Planung der berüchtigten Aktionen im Untergrund über die Verhaftung und den Prozess bis hin zu den dramatischen Erlebnissen im Straflager. In Zusammenarbeit mit Produzent Alexander Cheparukhin und dem führenden russischen Theaterdirektor Yury Muravitsky bringt Alyokhina ihre Geschichte jetzt auf die Bühne, tourt damit weltweit. Dass „Riot Days“ auch in Saarbrücken Halt macht, hat einen besonderen Hintergrund. Im Rahmen der feministischen Ausstellung „In the Cut“ haben Stadtgalerie und Garage Pussy Riot eingeladen – um gelebten Feminismus erlebbar zu machen.

Neben Maria Alyokhina stehen drei weitere auf der Bühne. Nastya und Max des Musikduos Awott und Kyril Masheka, der als einziger nicht an früheren Aktionen von Pussy Riot beteiligt war. Seiner Überzeugungskraft tut dies keinen Abbruch. Vor Beginn des Stückes weist Alexander Cheparukhin noch einmal darauf hin, dass das Stück nicht bloß eine Memoire sei, sondern ein ganzes „Punk-Manifest“. Man darf sich wohl zurecht fragen, was Punk und Theater nun gemeinsam haben, doch den circa 100 Zuschauern in der Garage (das Thema Feminismus scheint in Saarbrücken leider nicht allzu gefragt zu sein) wird schnell klar: Was sich da auf der Bühne abspielt, ist eine Stunde Punk pur. Gepaart mit einer Stunde Gänsehaut.

Mal laut schreiend, mal kläglich wimmernd, erzählen die vier in Form von Sprechgesang die Geschichte von Pussy Riot, in all ihren unangenehmen Details. Sie erinnern an die „40 Sekunden Verbrechen“ in der Christ-Erlöser-Kathedrale, verkünden stolz „in Russland gibt es keine Priesterinnen, in Russland gibt es Pussy Riot“. Alyokhina erzählt, wie sie ihren Sohn zurücklassen musste, erzählt von Einzelhaft für politische Gefangene und menschenunwürdigen Haftbedingungen, Leibesvisitationen inklusive. „Der erste Hungerstreik ist wie die erste Liebe“, johlt die Gruppe. Es sind Sätze wie dieser, die so einfach und doch so poetisch den Geist von Pussy Riot transportieren. Die einem Stunden nach der Performance noch im Kopf umherschwirren, einen nachdenklich stimmen. Das komplette Stück ist in russischer Sprache gehalten. Der Zuschauer muss die Übersetzung auf einer Leinwand mitlesen. Ein Störfaktor? Im Gegenteil. Es ist wohl nur in der Muttersprache möglich, so viel Herzblut heraus in die Welt zu schreien. Ebenfalls bemerkenswert: Es gibt weder Absperrungen, noch Sicherheitspersonal. Pussy Riot bewegen sich so nah am Publikum wie nur möglich. Angst scheint ein Fremdwort zu sein.

„Wir sind eine riesige Gruppe, so können wir uns zwischen dem WM-Finale und Saarbrücken aufteilen“, erklärt Cheparukhin lachend. Der Applaus scheint ewig zu währen. Das Stück endet mit Alyokhinas Haftentlassung. Sie stellt fest: „Ich bin frei – Doch wie sieht es mit Ihnen aus?“