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Kunst
Unter den Oberflächen naht die Tiefe

Eine 1973 entstandene, für die an der Pop-Art geschulte japanische Illustrationskunst jener Jahre typische Collage von Keiichi Tanaami, der 1975 (wen wundert’s?) der erste Art Director des japanischen Playboys wurde.
Eine 1973 entstandene, für die an der Pop-Art geschulte japanische Illustrationskunst jener Jahre typische Collage von Keiichi Tanaami, der 1975 (wen wundert’s?) der erste Art Director des japanischen Playboys wurde. FOTO: centre pompidou metz
Metz . In gleich zwei Ausstellungen widmet sich das Metzer Centre Pompidou der Kunst und Architektur Japans von der Nachkriegszeit bis heute. Beide sind den Besuch wert. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Nimmt man 90 Minuten Fahrt von Saarbrücken aus als Maßstab, ist die Frage schnell beantwortet, wer innerhalb dieses Radiusses die interessantesten Ausstellungen macht: das Metzer Centre Pompidou. Dass das nächste Woche endlich aus seinem jahrelangen Dornröschenschlaf erwachende Saarlandmuseum da auch in absehbarer Zeit weiterhin den Kürzeren zieht, liegt nicht zuletzt auch an seinem notorischen Verzicht auf komplexe Themenausstellungen.



Wie ergiebig diese sein können, stellt das Metzer Pompidou gerade einmal mehr mittels zweier, der Kunst und Architektur Japan gewidmeter Sonderschauen unter Beweis. Was das weite, aber auch aufwändig zu bestellende Feld des nicht-monographischen Kunst-Kuratierens (sprich Einzelausstellungen) angeht, dürfte allenfalls die Mitte Dezember wieder eröffnende, erweiterte Mannheimer Kunsthalle dem lothringischen Fixstern seinen Nimbus als interessantestes Ausstellungshaus der Großregion streitig machen können.

Unter dem Titel „Japanorama“ gibt das Pompidou nun taufrisch auf zwei Galerieebenen einen in diesem Umfang wohl beispiellosen Überblick über die japanische Kunst von 1970 bis heute – der letzte, im Pariser Mutterhaus unternommene Versuch liegt 30 Jahre zurück und endete historisch just dort, wo man in Metz (ungeachtet einiger Rückgriffe, etwa in die Fluxus-Ära der 60er) einsetzt: Um 1970 besann sich die seit der Nachkriegszeit westlichen Einflüssen folgende japanische Kunst stärker auf sich selbst, was zunächst einen (von der Zen-Philosophie beeinflussten) künstlerischen Minimalismus begünstigte. Insbesondere die auf Reduktion (und oft Naturmaterialien) setzende, antimodernistische Mono-ha-Bewegung war hiervon Ausdruck.

Völlig konträr dazu markierten die 80er Jahre in der japanischen Kunst eine Phase zügelloser Selbstverwirklichung, gepaart mit einer Technikverklärung und dem Kreieren cyborgartiger Kunstwelten, wofür insbesondere das 1978 gegründete Yellow Magic Orchestra (YMO) einstand. Im Zuge der wirtschaftlichen Rezession der 90er und nationaler Traumata (Erdbeben in Kobe, U-Bahn-Anschlag der Aum-Sekte in Tokio, beides 1995) kehrte der Realismus dann wieder in Japans Kunst zurück, verbunden mit deren Politisierung. 20 Jahre später wiederum scheinen alle Stile und Ausdrucksformen gleichermaßen fortzuwirken: partizipative Kunstprojekte adaptieren politische NGO-Konzepte, derweil Computerkunst auf surreale Welten setzt, während die Fotografie einem subjektiven Dokumentarismus frönt, dabei aber nicht anders als die heutige, japanische Malerei unterschiedlichste Handschriften zeigt.

Um das im Metzer Centre Pompidou großflächig ausgebreitete Kunstpanorama überblicken und würdigen zu können, sollte der Besucher genug Zeit (zwei Stunden mindestens) mitbringen. Die von der künstlerischen Leiterin des Tokioter Museums für Gegenwartskunst, Yuko Hasegawa, kuratierte Schau spannt ein gewaltiges Spektrum auf, das von Malerei über Fotografie und Video bis hin zu Mode und Mangas reicht und dabei sechs Themenstationen zugeordnet wird. Das klingt übersichtlicher, als es dann ist. Dass sich die Sektionen – „Fremdes Objekt – Posthumaner Körper“ oder „Kollaboration/Partizipation/Austausch“ genannt – ohne Weiteres erschließen würden, wäre zu viel gesagt. Dem Anspruch, einen sinnfälligen Querschnitt der jüngeren japanischen Kunst zu zeigen, tut dies indessen keinen Abbruch. Die großen Linien werden sichtbar. Was etwa unter „Popkultur und Neo-Pop“ subsumiert wird, verdeutlicht, wie schrill die japanische Spielart der Pop-Art farblich oft daherkommt und bisweilen eine bis an die Kitschgrenze (und darüber hinaus) gehende Sentimentalität verströmt. Unübersehbar ist auch, dass die Pop-Art leicht an der japanischen Illustrationskunst (zu nennen wären etwa Keiichi Tanaami oder Tadanori Yokoo) andocken konnte, deren populärste Spielart – Mangas bzw. Animes – in Metz mit vertreten sind.



Die der japanischen Gesellschaft zugeschriebene technoide Verspieltheit findet in Metz hingegen erstaunlich selten ein künstlerisches Echo. Videokunst nimmt zwar breiten Raum ein, doch ist die ebenso artifiziell wie futuristisch anmutende Ästhetik – perfektioniert in den Videos von Mariko Mori, Motohiko Odani und von Sputnikol, deren „Menstruation Machine“ die Clip-Ästhetik voll ausreizt – längst nicht die vorherrschende Bildsprache. Kuratorin Hasegawa stellt ihr politisch konnotierte Video-Arbeiten zur Seite. In der Galerie2 empfängt uns etwa Kota Takenchis „Finger Pointing Worker“ – ein 22-minütiges, drei Monate nach Fukushima (11. März 2011) dort gedrehtes Video, in dem Takenchi die Arbeitsbedingungen der dorthin zitierten Sicherungskräfte thematisiert. Zu sehen ist, wie er in astronautenhafter Strahlenschutz­ausrüstung durch die Reaktorruine läuft. Gleiches gilt auch für die Fotokunst: Die Sujets und Genres der ausgestellten Arbeiten decken bildästhetisch ein bemerkenswertes Spektrum ab, das von intimen Portätserien bis zu Science-Fiction-Anleihen reicht.

So komplex und zutiefst widersprüchlich Japans kulturelle Identität ist, so sehr ist es auch seine Kunst. Weshalb weder ein Mangel an Arbeiten ist, die die exzessive, konsumgesteuerte Oberflächenverliebtheit der Moderne auf die Spitze treiben, noch an künstlerischem Minimalismus, der sich traditioneller Techniken und Bildwelten bedient und zum Teil Ausdruck buddhistischer Versenkung ist.

Zu den künstlerischen Höhepunkten gehören drei Rauminstallationen: zum einen Yayoi Kusamas „Fireflies on the water“, ein wie das Weichbild einer nächtlich illuminierten Stadt wirkendes Spiegelkabinett, in das ein Steg über tintenschwarzes Wasser führt. Noch bezwingender ist Kohei Nawas per Pumpenkreislauf gesteuerter, in Strähnen von der Decke fließender Ölvorhang („Force“), der 2015 bereits im Karlsruher ZKM zu sehen war und gewissermaßen aus Altöl Gold macht. Und an der rückwärtigen Seite dieser hinreißenden Monumental-Meditation entfaltet Haruka Kojins im Raum schwebende Deckeninstallation aus bunten Stoffschnittmustern dann die ganze, Japans Kunst immer wieder eingeschriebene, vollendete Feinfühligkeit im Umgang mit Materialien.

Neben den Rauminstallationen entfaltet die Malerei den größten Reiz: Tomoko Kashikis „Shadow Play“ von 2009 balanciert Leere und Verdichtung aus; Izumi Katos embryonenhafte Figuren, die Katos bezwingende Malerei stets vor geteilten Hintergründen platziert, wirken wie (genmanipulierte?) Gespenster. Und Yoshimoto Naras comicartige Kinderporträts verkörpern ein tiefreichendes Leiden an der Gesellschaft.

Wer in Metz die üblichen Kunstschubladen auffüllen will, dürfte am Ende eher irritiert sein. So fließend und durchlässig wie das japanische Architekturbüro Sanaa (2010 mit dem Pritzkerpreis geehrt und in Europa zuletzt mit der von ihm gebauten Louvre-Dependance in Lens in Erscheinung getreten) den „Japa­norma“-Parcours gebaut hat, sind am Ende auch die Grenzen der Kunst dieses faszinierenden Landes.

Bis 5. März. Mi-Mo: 10-18 Uhr.
www.centrepompidou-metz.fr

Yoshimoto Naras „Sayon“ (2006): Missmutig blickende Kinder sind für Nara typisch.
Yoshimoto Naras „Sayon“ (2006): Missmutig blickende Kinder sind für Nara typisch. FOTO: Centre Pompidou