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Zum Tod von Nicolas Roeg
Das Leben ist zu komplex für konventionelle Filme


Regisseur Nicolas Roeg 2012 in London.
Regisseur Nicolas Roeg 2012 in London. FOTO: AP / Jonathan Short
Saarbrücken. Zum Tod des britischen Filmemachers Nicolas Roeg, der im Alter von 90 Jahren gestorben ist. Von Tobias Kessler
Tobias Kessler

Wunderbar treffend ist der Satz, mit dem das Britische Filminstitut Nicolas Roeg würdigt, der Freitagnacht im Alter von 90 Jahren gestorben ist: Der Filmemacher  habe einige der „ergreifendsten Momente der Schönheit, des Grauens und der Traurigkeit erschaffen, die man je gesehen hat“. In der Tat: Wer kann etwa „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (1973) vergessen, diesen todtraurigen Film um ein Ehepaar, das nach dem Tod der Tochter versucht, einigermaßen normal weiterzuleben. Die zentrale Liebesszene zwischen Julie Christie und Donald Sutherland mag heute wegen ihrer Offenherzigkeit legendär sein – das eigentlich Gewagte war Roegs Montage  der erotischen Momente mit den Bildern des Sichwiederanziehens – der Alltag hat wieder Einzug gehalten, alles wird Erinnerung, das Leben ist ein Mosaik aus Gegenwart  und Vergangenheit, aus Realität und Vorstellungskraft. So gesehen, eine typische Szene von Nicolas Roeg, der fand, dass das konventionelle lineare Erzählen unserem komplexen Leben nicht gerecht wird. Deshalb arbeitete er anders.


Dass man damit die Kinos nicht zwangsläufig füllt, war ihm klar – auch wenn „Gondeln“ sein größter Erfolg wurde. Roeg hat gezeigt, wie man erzählen kann, wenn man sich nicht an die Konventionen hält, und dabei viele Filmemacher beeinflusst; etwa Christopher Nolan, dessen Debüt „Memento“ ein Puzzle der Wahrnehmungen und Erinnerungen ist, oder Paul Thomas Anderson, dessen Ölmagnaten-Film „There will be blood“ an Roegs Film „Eureka“ erinnert. 

Julie Christie und Donald Sutherland  in „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (DVD bei Studiocanal). Foto: Studiocanal
Julie Christie und Donald Sutherland  in „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (DVD bei Studiocanal). Foto: Studiocanal FOTO: Studiocanal


Roeg hatte sich beim britischen Film langsam hochgearbeitet, vom Teekocher zum Schnitt­assistenten bis  zum gesuchten Kameramann – unter anderem beim zweiten Drehteam von „Lawrence von Arabien“ (1962) und bei François Truffauts „Fahrenheit 451“ (1966). Sein Regiedebüt „Performance“ (1970) zeigte Mick Jagger in einem Mosaik aus  Psychokrise, Sex, Musik und Drogen; in  „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976) ließ er David Bowie als Außerirdischen auf der Erde stranden und langsam vor die Hunde gehen – die Menschheit ist zu viel für ihn.

Kommerziell hatte es Roegs Kunst schwer, ab den 1980ern wurden seine Arbeiten sporadischer, er arbeitete fürs Fernsehen und drehte 1990 einen unerwarteten (und sehr gruseligen) Kinderfilm „Hexen hexen“ (1990) nach einer Vorlage von Roald Dahl – für Roegs Verhältnisse konventionell und kommerziell erfolgreich. Er hätte es sich also leichter machen können. Aber interessiert hat ihn das nicht, es war nicht seine Art Kino. Roegs Credo: „Ich habe nie versucht, meinen Ruf zu verbessern.“