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Buchmesse
„Professionalisierung der Unzufriedenheit“

Frankfurt . Willkommen, bienvenue auf der „petite Bühne“: Wie sich das Gastland Frankreich auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Weiß man nach dem Besuch des französischen Messe-Pavillons auf der Buchmesse mehr über unser Nachbarland? Vielleicht, wenn man auf der „petite Bühne“ Platz nimmt und zuhört, was französischsprachige Autoren zu erzählen haben. Womit wir beim ersten wären, was diesen Pavillon des Gastlandes ausmacht: In nobler Geste hat Frankreich seinen Messeauftritt umgewidmet, um der frankophonen Literatur weltweit hier in Frankfurt ein Forum zu bieten – von Luxemburg über Algerien bis Kanada, dem Kongo und Kambodscha sind Werke von 180 frankophonen Autoren auf dem Gabentisch ausgebreitet, der hier aus Regalen besteht.



Waren die Länderpavillons in der jüngeren Messe-Vergangenheit in aller Regel ausgeklügelte, fensterlose, multi-sensuale Inszenierungswelten, so ist Frankreichs Auftritt von viel Licht, ja überhaupt von viel Klarheit geprägt. Anders als sonst ist der Pavillon nicht abgedunkelt, um ihn vom übrigen Messetrubel kontemplativ abzuschirmen. Weshalb die Bühne Frankreichs zunächst einmal als leere Hülle betrachtet nicht viel anders aussieht als die übrigen in Frankfurt. Was Studenten der Hochschule für Kunst und Design in St. Etienne, Frankreichs Design-Hochburg, da als kulturelle Visitenkarte in Halle F1 entworfen haben, strahlt auf ganz unfranzösische Art sehr viel Funktionalität aus: Ein Parcour aus schlichten Holzregalen strukturiert diesen Auftritt. „Tausendeine Traductions“ lassen sich abschreiten.

Was zu tun lohnenswert ist. Alphabetisch nach Autorennamen geordnet gibt diese Bündelung einen passablen Überblick über die derzeitige Übersetzungskultur. Dass Übertragungen ins Deutsche überwiegen, ist in dieser geballten Form untypisch und natürlich dem diesjährigen Gastland der Buchmesse geschuldet. Man defiliert an diesem Regal-Ensemble entlang, greift ein Werk und hält Ausschau nach einer der raren Sitzgelegenheiten. Oh Wonne der Entdeckungen!

Von einem Verlag „Golden Luft“ in Mainz etwa hatte man noch nie gehört. Er hat eine kurze Erzählung von Emmanuel Bove von 1928 wieder aufgelegt: „Was ich gesehen habe“ handelt von einem Eifersuchtsgebissenen, der seine Frau glaubt gesehen zu haben, wie sie in einem vorbeifahrenden Auto einen anderen küsst. Den Münchner „austernbank Verlag“ hatte man bislang auch nicht auf dem Schirm. Dort ist Gilles Marchands „Ein Mund ohne Mensch“ herausgekommen – ein literarisches Kabinettstück, in dem Marchand das Leben seines Großvaters vor dem Hintergrund des 1944 von der Waffen-SS in Oradour verübten Massakers erzählt.

Man kramt aber auch einen Praxisleitfaden über „Arbeitsrecht in Frankreich“ hervor oder bei den Reisebüchern eine kleine Kostbarkeit wie Sylvain Tessons „Auf versunkenen Wegen“, das eine Wanderung quer durch Frankreich beschreibt. Unternommen auf alten, verschlungenen Wegen in einem hyperländlichen Dunkel, „das geschützt war vor dem Getöse und verschont von den Maßnahmen zur Raumordnung, die dem Geheimnisvollen keinen Platz lassen“. Zuletzt liest man sich im neuen Buch des Pariser „Zeit“-Korrespondenten Georg Blume „Der Frankreich-Blues“ fest. Sein Untertitel „Wie Deutschland eine Freundschaft riskiert“ zielt auf die aus Sicht Blumes sträfliche Vernachlässigung einer in die Tiefe gehenden deutsch-französischen Verständigung im saturierten Gefühl deutscher Wirtschaftsüberlegenheit. An einer Stelle zitiert Blume Heine, der in seiner „Lutetia“ einst treffend folgende Charaktertypologie entwarf: „Sie gehen jeder Frage direkt auf den Leib und zerren daran solange herum, bis sie entweder gelöst oder als unauflösbar beseitigt ist. Das ist der Charakter der Franzosen. Der Deutsche, aus Scheu vor aller Neuerung, deren Folgen nicht klar zu ermitteln sind, geht jeder bedeutenden Frage so lange wie möglich aus dem Wege, oder sucht ihr durch Umwege eine notdürftige Vermittlung abzugewinnen.“ Klingt ziemlich heutig oder?



Wenn man weiß, dass das Buch der jüngsten Prix-Goncourt-Preisträgerin, „Chanson douce“ der französisch-marokkanischen Autorin Leila Slimain, in Frankreich 600 000 Mal verkauft wurde (das deutsche Pendant, Robert Menasses gerade mit dem Deutschen Buchpreis gekürter EU-Roman „Die Hauptstadt“, dürfte es allenfalls auf 100 000 Exemplare bringen), versteht man ein wenig, weshalb sich Frankreich eine Kulturnation nennt. Es gibt dort zwar nicht weniger Banausen als anderswo. Aber Literatur und Philosophie genießen dort einen ganz anderen Stellenwert als hierzulande. Intellektuelle gelten dort als „Profis des Einspruchs“, wie der Kulturjournalist Joseph Hanimann in seinem hier ausliegenden Buch „Allez la France. Aufbruch und Revolte – Porträt einer radikalen Nation“ schreibt. Wobei Hanimann süffisant anmerkt, dass sie „eine Professionalisierung der Unzufriedenheit“ betreiben. Die wählt sich als Sprachrohr maßgeblich Kulturzeitschriften, von denen es in Frankreich mehr gibt als sonstwo – die Rede ist von 700.

Dass die Grande Nation auch eine Comic-Nation ist, arbeitet Frankreichs Messeauftritt ausführlich heraus. Ein sagenhaftes Sechstel des französischen Buchumsatzes entfällt auf die „bandes déssinées“ – bei uns unvorstellbar. Nach Japan ist man die Welthochburg des Comics. Wie zahllose Beispiele im Comic-Areal des Pavillons zeigen, steht gezeichnete Literatur dabei auch im Dienst scharfer Gesellschaftskritik und politischer Aufklärung. Selbst aktuelle Debatten, etwa über die Rolle des Front National, münden in gezeichnete Abrechnungen. Längst auch gibt es einen wachsenden Markt an Digital-Comics – bis hin zu eigenen Handy-Formaten wie etwa „Bludzee“ von Lewis Trondheim.

Als Jugendformate hoch im Kurs stehen daneben „Manfras“, Mangas made in France. Und wenn kommende Woche der neue Asterix-Band „Asterix in Italien“ auf den Markt kommt, dann tut er es in zwei Millionen-Auflage. Das allerdings auch in Deutschland. Es gibt also doch noch ein paar Gemeinsamkeiten zwischen Europas großen Kulturnationen.