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Leonard Bernstein zum 100.
Das gefräßige Raubtier am Dirigentenpult

Saarbrücken. Eine üppige CD-Box erinnert an den genialen Dirigenten und Komponisten Leonard Bernstein, der vor 100 Jahren geboren wurde. Von Wolfram Goertz

Als der große Michael Jackson 28 Jahre alt war, besuchte er das Konzert eines anderen Genies. Es war Leonard Bernstein. In der Pause schlich sich Jackson zu dem Dirigenten, um ihm zu huldigen. Bernstein, komplett überwältigt von diesem unerwarteten Besuch, nahm Jackson in die Arme, hob ihn hoch und küsste ihn auf den Mund. Jackson war so verdattert, dass er den Maestro nur noch fragen konnte: „Benutzen Sie immer denselben Taktstock?“


In den Augen des Publikums wurde das Dirigentenpult des späten 20. Jahrhunderts von zwei fulminanten Widersachern beherrscht. Zum einen von Herbert von Karajan, dem alerten Porsche-Fahrer und Technokraten des Klangs, zum anderen von Leonard Bernstein, dem gefräßigen Raubtier, dem Enthusiasten, der bei einem Beethoven-Rausch in die Luft sprang, bei den Proben rauchte und einen Gin nahm. Es war der Konflikt zwischen dem strengen alten Europa und dem sündigen jungen Amerika, zwischen Bewahrern und Eroberern.

Bernstein würde diesen Samstag 100 Jahre alt, 1990 starb er – doch ist er lebendig wie nur wenige andere Dirigenten. Wie sonst käme es zu jenen gewaltigen Paketen, die in diesen Tagen zum Preis von knapp 300 Euro und mit dem Umfang kleiner Kühlschränke zu Liebhabern geliefert werden?



Wer ihn jetzt erneut mit den großen Meistern von Mozart, Haydn und Beethoven bis Mahler, Strawinsky oder Schostakowitsch hört, der merkt: Bernstein stürzte sich in die Musik wie Dagobert Duck in die Fantastilliarden seines Geldspeichers. Keinen Tag könne er ohne Musik verbringen, sagte Bernstein einmal, und mit dem Impetus des Predigers und dem Raffinement eines Rabbiners eignete er sich alles an, was er brauchte, um Musik zu machen: Partituren, Techniken, Freunde, Kontakte, leider auch Zigaretten und Alkohol. Er war unmäßig und gierig, nicht bereit, auf einem konservativen und gesünderen Niveau zu leben.

Vor allem hört man Bernsteins überschäumende Kontaktfreude. Wenn er Beethoven dirigierte, liebte er – Orchester und Sänger umarmte er, flirtete mit ihnen, er verschwendete sich an sie. Töne schleuderte er mit Jubel zu den Gestirnen, um sie beglückt wieder aufzulesen. Seine Maßlosigkeit war indes die Kehrseite jener Genauigkeit, mit der er Partituren studierte und für die Unkundigen übersetzte. Indes konnte es passieren, dass ihm seine tönenden Hymnen und Psalmen ein wenig gewaltig gerie­ten. Unter seinem Taktstock klang die „Pastorale“, als habe Beethoven beim Komponieren den brasilianischen Regenwald vor Augen gehabt.

Bei keinem Komponisten spürte der Hörer Bernsteins intuitiv-großartige Bekenntnishaltung zwingender als bei Gustav Mahler. Den musizierte er aus brennendem Herzen; in Mahlers Musik erkannte er schier die Muttersprache seines Lebens. Da kommunizierten zwei Genies, die von einer tiefen jüdischen Wurzel gehalten und genährt wurden, im Dialog über die Zeiten hinweg. Der andere Seelenverwandte war Igor Strawinsky, an dem Bernstein die Mischung aus überrumpelnder Lust am Klang und rigoroser Ingenieurskunst faszinierte.

Bernstein war nicht nur Musiker, er war lebenslang auch ein Lehrer, ein Vermittler – und wenn er vor Harvard-Studenten oder vor Kindern sprach, änderte sich sein Vokabular kaum: Immer redete er so griffig, dass alle ihn verstanden. Bernstein glaubte, dass jeder Mensch „mit der Liebe zum Lernen geboren“ werde. Bernstein verkörperte die geistige Liebe zur Musik und zugleich ihren maximalen Genuss. Er versorgte aber auch Elementarbedürfnisse, etwa in seinen hinreißend-wertvollen „Young People’s Concerts“, die eine Urform jeder modernen Form von „Education“ abgaben, derer sich unsere Konzertplaner mittlerweile befleißigen.

„Musik – die offene Frage“ mit Bernsteins Vorlesungen an der Harvard-Universität sind noch heute die klügste, amüsanteste, originellste Einführung in die Welt der Musik. Da spricht einer, der die Dinge bis ins Letzte versteht, aber die Leute an die Hand nimmt. Davon profitierte sogar eine abgebrühte Brigade wie die New Yorker Philharmoniker, denen Bernstein als Trainer vorstand. Ansonsten liebte er es, sich im Sprachraum der Komponisten aufzuhalten, die er dirigierte. In Berlin, München und Wien war er liebend gern zu Gast.

Wenn uns Bernstein in der Musikwelt immer vorkam wie ein Noah, der das elementare Wesen des Musizierens vor der Sintflut der Beliebigkeit und Austauschbarkeit zu retten suchte, so resultierte diese Position aus nichts anderem als Demut. Mehr als einmal sagte er im Gespräch: „Ich bin Anfänger – immer!“

Ein wenig schien es immer, als schäme sich der 1918 in Massachusetts geborene Sohn emigrierter russischer Juden seiner Höchstbegabung, mit der er schon als Junge alle Lehrer und Hochschulen überrannt hatte, um sich gleich nach seinem sensationellen Debüt 1943 in der Carnegie Hall als Universalist vorzustellen. Bernstein konnte alles, war aber so bescheiden, es niemanden spüren zu lassen.

Von seinen eigenen Werken bleiben natürlich die swingend-schöne, fast puccinoide „West Side Story“, das geistreiche „Candide“, aber auch ein so brisant-kitzeliges Werk wie „Prelude, Fugue and Riffs“ für Klarinette und Big Band, in dem uns Bernstein mit dem Drive einer Jazz-Combo an den Hals fährt. Wer dieses orgiastische, lebenshungrige Stück je gehört hat, der bekam einen Eindruck, wie es in Leonard Bernsteins Sein und Wirken garantiert nie zugegangen ist: langweilig. Er ist ja damals, vor 28 Jahren, auch nicht gestorben. Er hat sich vielmehr zu Ende gelebt.