Neue Biographie über "Zeit"-Chefin Marion Gräfin Dönhoff

Biographie Marion Dönhoff : Die Gräfin und der moralische Wiederaufbau

Keine Frau hatte im deutschen Journalismus solchen Einfluss wie Marion Gräfin Dönhoff. Als alte Nazis in der BRD munter weiter machten, hielt die „Zeit“-Chefin unverdrossen dagegen. Doch auch die überzeugte Demokratin, zeigt Biograph Gunter Hofmann, hing noch an ihrer vergangenen Standes-Welt.

Zwar war sie tatsächlich noch eine Frau des 21. Jahrhunderts, wenn auch bloß mit einem Bruchteil ihrer reichen Lebenspanne von 92 Jahren. Und doch scheint einem Marion Gräfin Dönhoff wie eine Persönlichkeit aus ferner Zeit, als öffentlich noch um Gesinnung gefochten wurde und nicht um kurzfristiges Koalitionsgezänk oder gar Umfragen-Arithmetik. Und als Zeitungen noch richtungsweisende Debatten anstoßen konnten (und wollten), statt Facebook & Co. hinterher zu hecheln.

Die Dönhoff war im besten Sinne Repräsentantin der Bonner Republik. Sie betrieb den moralischen Wiederaufbau Deutschlands aus tiefster Überzeugung mit; schuf dafür politische Netzwerke nach England und bis in die USA. Sie tat vieles, damit die aus ihrer Sicht Richtigen in Deutschland den Kurs bestimmten. Willy Brandts „Ostpolitik“ unterstützte sie etwa vorbehaltlos. Und die „rote Gräfin“, wie sie ob ihres Liebäugelns mit den Linken schon seit Frankfurter Studententagen hieß, hatte vom Pressehaus der „Zeit“ in Hamburg aus stets kritisch im Blick, wenn braune Vorgestrige oder auch neuer Ungeist das Haupt hoben.

Als Journalistin, schon kurz nach der Stunde Null der „Zeit“, 1946, dabei, entfaltete sie, später Chefredakteurin und Mitherausgeberin des Wochenblattes, enorme Wirkungsmacht. Rudolf Augstein und seinem „Spiegel“ sicher ebenbürtig. Der ließ ihr übrigens mal einen Porsche zum Geburtstag vor die Tür stellen; das ungezügelte Porschefahren zählte zu ihren wenigen (bekannten) Leidenschaften. Eine ostpreußische Gräfin interessiert sich eben nicht für Kleinliches wie die Straßenverkehrsordnung, aber sie nimmt auch keine maßlosen Präsente an. Augstein blieb auf dem Sportwagen sitzen. Mit Krösus-Gebahren ließ sich die Konkurrentin nicht beeindrucken. Haltung, das war vielmehr die gültige Währung für sie, der sich die Dienstzimmer von Kanzlern und Präsidenten wie von selbst öffneten. Und die in ihrem eigenen Haus bis zu ihrem Tod 2002 eine „Veto-Macht“ war, gegen die nichts ging.

So jedenfalls schildert sie Gunter Hofmann, bis 2008 Chefkorrespondent der „Zeit“, der nun eine neue Biographie seiner einstigen Chefin vorgelegt hat. Was unbestreitbar den Vorzug der Nähe mit sich bringt; Hofmann strapaziert dies aber nicht, die persönliche Erfahrung bleibt ein feiner Unterton in einem mit Bravour geschriebenen Lebensbild.

Dass diese Biographie gerade jetzt kommt, ist kein Zufall. 2019 jährt sich zum 75. Mal der Tag des Hitler-Attentats von Claus Schenk Graf Stauffenberg. Etliche seiner Mitverschwörer waren auch Freunde der Dönhoff, gingen auf den ostpreußischen Besitzungen ein und aus. Auch wenn der tatsächliche Part der jungen Gräfin am Widerstand umstritten bleibt, ihr Eintreten für das Andenken der Widerständler wurde fraglos zu ihrem überragenden Lebensthema. Und wirkte auf vieles ein, macht Hofmann deutlich. So wollte sie nicht allein die Erinnerung wach halten, sie wollte auch das „preußische“ Erbe, jene Überzeugungen, für die Stauffenberg und seine Mitstreiter ihr Leben ließen, für die junge Bundesrepublik fruchtbar machen.

Nahtlos damit verknüpft, zeigt Hofmann, ist Marion Dönhoffs Weg zur Demokratin. In die Wiege gelegt war ihr das nicht. 1909 wird sie als siebtes und jüngstes Kind auf Schloss Friedrichstein, nahe Königsberg, in eine Welt der Privilegien hinein geboren. Man lebt nicht im Luxus, doch man weiß wohl um seinen Stand. Und die junge Marion ist selbstbewusst, ist die einzige Frau in ihrer Abiturklasse. Sie diskutiert lieber mit den Männern als sich mit Mädchenkram aufzuhalten. Nach dem Ökonomie-Studium in Frankfurt und in Basel bei Edgar Salin, verwaltet sie bis 1945 eines der Familiengüter in Quittainen; ihre Brüder sind im Krieg. Als der Geschützdonner der Roten Armee zu hören ist, flieht sie an der Spitze eines Trecks, reitet schließlich alleine wochenlang weiter Richtung Westen, wo sie bei Freuden unterkommt.

Schloss Friedrichstein setzen die Russen in Brand, der Besitz ist verloren, ihre alte Welt untergegangen. Was ihr bleibt, ist das Schreiben. Die Reflexion war ihr schon immer notwendige Leidenschaft. So verfasst sie Memoranden über den Widerstand gegen Hitler, über das, was das in Trümmern liegende Deutschland braucht. Das Gründerteam der „Zeit“ wird auf sie aufmerksam.

In Hamburg aber trifft sie auch auf NS-erprobte Schreiber, nun frisch gewendet. Sie urteilt, aus heutiger Sicht vielleicht überraschend, nicht kategorisch, lässt aber nicht mit sich reden, als etwa der ewig gestrige Staatsrechtler Carl Schmitt in die Redaktion drängt. Mit ihren angedrohten (und vollzogenen) Kündigungen kann sie Verleger Gerd Bucerius immer wieder in Schach halten. Aber auch die Comtesse muss für sich selbst erst die Überzeugung erkämpfen, dass die Demokratie wohl zumindest die beste bekannte Gesellschaftsform ist. Mit ihrem unbedingten Plädoyer für Brandts Ostpolitik aber, das auch bedeutete, dass sie allen möglichen Ansprüchen auf den einstigen Familienbesitz entsagte, untermauerte sie eben diese Überzeugung.

Hofmann zeigt die „Gräfin“, wie die Hüterin eines unbedingten linksliberalen Kurses in der „Zeit“ nur hieß, quasi im Dialog mit ihren so unterschiedlichen Freunden, den frühen, wie Axel von dem Bussche, der als einer der wenigen aus dem Verschwörerkreis des 20. Juli überlebte, über den US-Diplomaten und Architekten des Marshall-Plans George F. Kennan bis hin zu dem russischen Schriftsteller Lew Kopelew und Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Doch Hofmann spiegelt sie auch an ihren Widersachern wie dem Autor und FAZ-Mitherausgeber Joachim Fest. Dass der Hitlers liebsten Minister, Baumeister und Rüstungsantreiber Albert Speer, einen verurteilten Kriegsverbrecher, wieder salonfähig machte, war der Dönhoff ein Graus.

Hofmann zeichnet ein differenziertes Bild, wohlwollend gewiss, bisweilen wirft sich der Biograph gar – quasi prophylaktisch ritterlich vor die Comtesse, wenn manches Tun der Dönhoff nur als Durchlavieren zu bezeichnen ist. Trotzdem verfällt Hofmann nie ins Hagiographische. Vielmehr glückt es ihm, die Dönhoff als die Exponentin bundesdeutscher Zeitgeschichte zu zeigen, die sie war. Und eben diese deutsche Geschichte erzählt er en passant noch mit. Vielsagend verzichtet er im Titel seines Bandes auf die Nennung ihres Adelstitels. Dabei lebte die Gräfin wohl auch zwei Leben, als linksliberale überzeugte Demokratin und Publizistin und daneben ein heimliches, in dem ein (Geistes-)Adel noch das Land führt, der sich bei Dichter Stefan George das metaphysische Rüstzeug für eine „anderes“, ein „heiliges“ Deutschland holte.

 Hofmann berichtet viel von der quasi öffentlichen Marion Dönhoff, von der privaten erfährt man wenig. Dazu müsste man die bereits zehn Jahre alte Biographie von Klaus Harpprecht komplementär lesen. Hofmann aber will die Journalistin, die politische Frau, die Kämpferin für die höhere Überzeugung vorstellen, dass Demokratie mehr sein muss als nur der Nährboden eines entfesselten Kapitalismus. Und diese Persönlichkeit war die Dönhoff fraglos – eine Persönlichkeit, wie sie heute geradezu schmerzhaft fehlt.

Das 1945 zerstörte Schloss Friedrichstein in der Nähe von Königsberg. Hier, auf dem Familiensitz der Dönhoffs, wurde Marion Gräfin Dönhoff 1909 geboren. Die Farblithografie enstand nach einem Gemälde von August Behrendsen um 1860. Foto: ullstein bild - histopics/histopics

Gunter Hofmann: Marion Dönhoff – Die Gräfin, ihre Freunde und das andere Deutschland, C.H. Beck, 480 Seiten, 28 Euro.