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Höllenvisionen eines Männleins

Ausschnitt aus dem Triptychon ,,Der Garten der Lüste“ (1495-1505), einem der berühmtesten Bosch-Gemälde. Wir entnehmen die Abbildung dem im Belser Verlag erschienenen vorzüglichen Bosch-Werkverzeichnis. Es bündelt die neuesten Forschungsergebnisse des Bosch Research and Conservation Projects („Hieronymus Bosch. Maler und Zeichner“, 594 S., 500 Abb., 99 €). Foto: Belser Verlag
Ausschnitt aus dem Triptychon ,,Der Garten der Lüste“ (1495-1505), einem der berühmtesten Bosch-Gemälde. Wir entnehmen die Abbildung dem im Belser Verlag erschienenen vorzüglichen Bosch-Werkverzeichnis. Es bündelt die neuesten Forschungsergebnisse des Bosch Research and Conservation Projects („Hieronymus Bosch. Maler und Zeichner“, 594 S., 500 Abb., 99 €). Foto: Belser Verlag FOTO: Belser Verlag
Hamburg. 25 Gemälde Boschs lassen sich nach heutigem Forschungstand sicher ihm zuschreiben. Anlässlich seines 500. Todestages zeigt der Madrider Prado gerade die wichtigsten. Die Rezeptionsgeschichte seiner Werke spiegelt eine Hamburger Schau. Welf Grombacher

Schon 50 Jahre nach seinem Tod war Hieronymus Bosch eine Institution und als "Höllenmaler" allseits bekannt. Ein Selbstporträt von ihm existiert nicht. Der 1610 von Hendrik Hondius gefertigte Kupferstich zeigt ihn mit verängstigtem Blick als ausgemergeltes Männlein. Auch eine Erklärung für die besorgte Miene führt der Begleittext unter dem Bild an: der Maler, ist da zu lesen, habe "Lemuren als flatternde Höllenvisionen hier auf Erden" gesehen. Der findige Verleger wusste schon damals, was er dem sensationslüsternen Publikum schuldig war. Mit einer derart schaurigen Kommentierung verkaufte sich das Blatt wie von selbst.


Die Idee des von nächtlichen Dämonen gepeinigten Malers zieht sich durch die gesamte Kunstgeschichte. Der Name Hieronymus Bosch gilt heute als Synonym für dunkle Höllenszenen und phantastische Teufelsbilder. Er war der einzige nichtitalienische Künstler, der es zu einer Erwähnung in Vasaris berühmte "Viten" schaffte. Trotz großer Werkstatt kam der ums Jahr 1450 als Jheronimus van Aken geborene Maler, der sich später nach seiner Heimatstadt 's-Hertogenbosch in "Bosch" umbenannte, mit der Produktion kaum nach. Wer etwas auf sich hielt, wollte ein Gemälde dieses Tausendsassas besitzen. Sein Landesherr Philipp der Schöne kaufte ebenso Werke von ihm wie Königin Isabella von Kastilien oder Kardinal Domenico Grimani. Ein regelrechter Bosch-Boom setzte ein. Schon zu Lebzeiten war die Zahl seiner Nachahmer unüberschaubar. Heute genau vor 500 Jahren starb der wohl surrealistischste Maler der Renaissance.

Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg zeigt mit "Verkehrte Welt" jetzt "das Jahrhundert von Hieronymus Bosch". "Geradezu anmaßend", wie der neue Leiter des Hauses Franz Wilhelm Kaiser einräumt, findet parallel dazu im Prado doch die "wichtigste Bosch-Ausstellung aller Zeiten" statt, die im Frühjahr bereits in 's-Hertogenbosch zu sehen war. Wie soll man da an Bilder rankommen, die ohnehin nur selten auf Reisen gehen? Kein Problem: Haben die Hamburger aus der Not doch eine Tugend gemacht und widmen sich in ihrer in Kooperation mit dem Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden entstandenen Ausstellung ausschließlich der Rezeptionsgeschichte. Unter den 90 Arbeiten befindet sich nicht ein einziges aus der Hand von Bosch. Stattdessen feiert ihn die Ausstellung als Erfinder von Bildideen und zeigt Nachfolger, die sich von ihm inspirieren ließen.

Die meisten von ihnen sind heute kaum mehr bekannt. Viele von ihnen signierten ihre Werke mit "Hieron. Bos. Invenit", um ihre Bilder besser zu verkaufen, was so viel heißt wie "Hieronymus Bosch hat es erfunden". Manche der Fälschungen wurden sogar im Kamin gegilbt, um sie wie Originale aussehen zu lassen. Es gibt aber auch bekannte Namen zu entdecken. Etwa Pieter Bruegel den Älteren, der mit seinen Teufelsbildern ab 1550 die Nachfolge Boschs antrat. Mit dem damals neuen Medium der Druckgrafik eröffneten sich im 16. Jahrhundert ganz neue Möglichkeiten der Vervielfältigung. Kein Zufall also, dass die 80 Kupferstiche und Radierungen den größten Teil der Schau ausmachen. Gemälde sind nur 15 an der Zahl zu sehen.

Während Bosch selbst seine Monster und Dämonen noch in einen heilsgeschichtlichen Kontext stellte und die Betrachter damit zu einem moralischen Leben anhalten wollte, lösten seine Nachfolger wie Pieter van der Heyden (1530-1572) oder Philips Galle (1537-1612) sie immer mehr aus dem Zusammenhang. Christliche Themen stellten bald nur noch die Szenerie dar, vor der sich schauerliche Gestalten tummelten, bevor sie bei Hans Vredeman de Vries (1527-1604) als reines Ornament übrig blieben. Teufelsfratzen und Höllenschlunde sollten nun nicht mehr vor Sünden abschrecken und zu sittlicherem Leben mahnen, sie wollten nurmehr unterhalten. Diese Verharmlosung ging mit der sich im 16. Jahrhundert vollziehenden Verschiebung christlichen Glaubens einher, der sich nicht mehr aufs Jenseits, sondern nun aufs Diesseits fokussierte.



Wer nicht mit der Erwartung nach Hamburg geht, eine Bosch-Ausstellung zu sehen, sondern die Schau so, wie sie gedacht ist, als Apostroph auf die große Retrospektive im Prado versteht, der wird Entdeckungen machen in diesen apokalyptischen Landschaften.

Bis 11. September täglich von 11 bis 19 Uhr (Do bis 21 Uhr).