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| 20:45 Uhr

Literatur
Ein idealistischer Fall von Makellosigkeit

Mit seinem Roman „Der Vorleser“ wurde Bernhard Schlink 1995 quasi über Nacht berühmt. Mit seinen nachfolgenden Romanen konnte der heute 73-jährige Jurist an diesen Mega-Erfolg nicht mehr anknüpfen.
Mit seinem Roman „Der Vorleser“ wurde Bernhard Schlink 1995 quasi über Nacht berühmt. Mit seinen nachfolgenden Romanen konnte der heute 73-jährige Jurist an diesen Mega-Erfolg nicht mehr anknüpfen. FOTO: Marta Perez / dpa
Saarbrücken. Die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert ist Bernhard Schlinks literarisches Thema – auch in seinem neuen Roman „Olga“, in den Bestsellerautor Schlink am Ende allerdings zu viel hineinpackt. Von Roland Mischke

Olga Rinke liebt das Maßvolle in allem. Es soll nicht „zu groß“ sein. Das war schon so, als sie ein kleines Mädchen war und nicht mit anderen Kindern spielte, ihnen nur zuschaute. In Pommern, in einem kargen Dorf; das Kind hatte seine Eltern früh an Fleckfieber verloren. Ihre Erziehung ging an die stramme Großmutter, die kaum Liebe für sie empfand. Dabei machte die Enkelin keine Probleme, schon früh zeichneten sich ihre Begabungen ab. Olga legte sich schon als Halbwüchsige fest, Lehrerin zu werden. Sie spürte, dass das ihre Bestimmung war, und kämpfte sich gegen alle Widerstände durch.

Bernhard Schlink erzählt in seinem neuen Roman von einem Frauenleben Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1970er Jahre. Der Stoff ist bestsellerverdächtig und könnte verfilmt werden, wie schon Schlinks „Vorleser“ von 1995. Er handelt fast durchweg von einer geradlinigen Frau, die weiß, was sie will und nicht von Zweifeln geplagt ist. Es ist Zeitgeschichte und Liebesgeschichte zugleich in der Bismarckzeit, der Weimarer Republik, der Periode des Nationalsozialismus und der Bundesrepublik. Das ist viel in einem Roman von nur wenig mehr als 300 Seiten.

Herbert, Sohn des Gutsherrn, ist die große Liebe des armen Dorfmädchens. Trotz des Klassenunterschieds kommen beide zusammen, Herberts reiche Eltern aber lehnen Olga ab. Die beiden treffen sich heimlich, eine gemeinsame Zukunft können sie nicht planen. Herbert durchbricht die unsichere Lage durch Flucht – er meldet sich zum freiwilligen Militäreinsatz in Deutsch-Südwestafrika. Er ist Patriot, aber in Wahrheit feige, weil er weiß, dass seine Eltern auf eine standesgemäße Frau hoffen. Herbert kann sich nicht entscheiden, will es auch nicht. Lieber geht er auf Abenteuerreisen und Exkursionen, die immer länger dauern. Auch im Ersten Weltkrieg ist er dabei, Herbert nimmt schließlich überstürzt an einer unzureichend geplanten Expedition in die Arktis teil, aus der er jahrelang nicht mehr reagiert auf Olgas Briefe nach Tromso in Norwegen, postlagernd. Dann steht fest, dass er in der Kälte nicht überlebt hat. Olga hat Herbert endgültig verloren.

Sie ist als Lehrerin nahe Tilsit in Ostpreußen versetzt worden. Herberts Tod ist ihr Eintritt in die Einsamkeit. 1945, sie ist inzwischen in einem schlesischen Dorf gelandet, muss sie in den Westen fliehen. Da ist Olga bereits taub und wird nie mehr unterrichten. Nach dem Krieg siedelt sie sich in der Neckarregion an, zu ihrer kleinen Rente verdient sie sich etwas hinzu durch Näharbeiten. Die Einsamkeit wird für einige Zeit unterbrochen, als Ferdinand, der Sohn einer Pfarrersfamilie, sich an sie hängt. Ferdinand wird später derjenige sein, der Olgas Briefe an Herbert erhält. Dadurch gewinnt im dritten Teil des Buches, dem Abdruck der Briefe, ihre Figur erst wahrhaft an Kontur.

Schlinks Olga ist ein idealistisches Gegenbild zur deutschen Realität in diesen Jahren. Sie ist eine gute Frau, wird nie ausfällig. Mit enormer Empathie bringt der Autor sie durch alle Schwierigkeiten und hält ihr zugute, dass sie nie zur Mitläuferin des NS-Regimes wird. Sie hat ein klares politisches Gespür, verachtet Gewalt in jeder Form, ist treu, liebevoll und und steht verlässlich zu den ihr nahestehenden Menschen. Das Makellose hat etwas Schablonenhaftes.

Bernhard Schlink stellt in seinem Roman dem dunklen Deutschland eine rundum moralisch gute, stets standhafte, nur still leidende Frauenfigur entgegen. Ihre Beschreibung enthält Klischees, auch die Sprache ist über weite Strecken zu trocken, mitunter fast bürokratisch. Die Romankomposition erscheint seltsam, weil Handlungsstil und erzähltes Leben erst im dritten Teil des Buches, in den Briefen, richtig erkennbar wird.

Letztlich geht es darin um Olgas Bilanz. Sie hat in ihrer Zeit als Frau mehr erreicht, als die Gesellschaft in dieser Periode Frauen zudachte. Sie hat ihre Liebe verfehlt, ist darüber aber nicht untergegangen.

Bernhard Schlink: Olga. Diogenes, 310 Seiten, 24 €.