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Jahresausstellung an der Hochschule der Bildenden Künste Saar
„Da liegt eine Nase auf dem Platz . . .“

Eine Installation der HBK-Studenten in Völklingen mit einer „Stolper-Nase“ rief dort bereits das Ordnungsamt auf den Plan.
Eine Installation der HBK-Studenten in Völklingen mit einer „Stolper-Nase“ rief dort bereits das Ordnungsamt auf den Plan. FOTO: Andreas Bayer / Andreas Bayer/HBK-Saar
Völklingen/Saarbrücken. Was gibt es Neues an der Saar-Kunsthochschule (HBK)? An diesem Wochenende präsentieren sich die Studierenden wieder auf dem Campus in Saarbrücken und in der Handwerkergasse der Völklinger Hütte. Von Esther Brenner
Esther Brenner



„Da liegt eine Nase auf dem Völklinger Platz“, sagt der Herr vom Ordnungsamt. „Und eine zerschlagene Büste auf der Kreisverkehrsinsel“, ergänzt sein Kollege. Irritierte Bürger hätten sich gemeldet, es gebe eine Stolpergefahr auf dem Platz vor dem Haupteingang des Weltkulturerbes. Das Ordnungsamt hat den Weg in die Handwerkergasse der Völklinger Hütte gefunden, wo Georg Winter, Professor für Bildhauerei und Public Art, mit jungen Künstlern arbeitet. „Das ist eine Kunstaktion“, erklärt Winter freundlich. Und natürlich könne man die aus Beton gegossene Stolper-Nase mit Flatterband „abbarken“, wie es die Ordnungshüter ebenfalls sehr freundlich und verständnisvoll verlangen. Die Nase des Anstoßes haben Winter und seine Studenten und Studentinnen neben die Pyramide gelegt, mit der das Weltkulturerbe zurzeit seine Inka-Ausstellung bewirbt, das heißt – beworben hat. Denn die Pyramide habe man „gekapert“, mit weißer Folie bespannt und so „neutralisiert“, erklärt Winter. Selbstverständlich mit Wissen und Billigung des Welterbe-Chefs. Nun steht also eine weiße Pyramide auf dem unscheinbaren Platz vor der Hütte – und offensichtlich fällt es manchem Vorbeifahrenden auf. Ziel erreicht?

Die Frage nach Sinn und Zweck von Kunst treibt die jungen Künstler um. Wie positioniert man sich mit seiner Kunst in einer Zeit, in der die Welt zu brennen scheint? Das ist eine der Leitfragen für das diesjährige Konzept des Ateliers Freie Kunst/Malerei und Zeichnung von Hochschulrektorin Gabriele Langendorf. Auf dem Saarbrücker Campus als auch in der Handwerkergasse sind dazu vielfältige Werke und Installationen zu sehen – nicht immer erschließen sich die Bezüge. Muss Kunst provozieren? Muss sie politisch sein? Sind wir Künstler oder Gestalter? Wer setzt die Maßstäbe? Diese und viele andere Fragen haben die Studenten gesammelt und auf Wände geschrieben – sie bilden den Kontext für die Ausstellungen. Wieder einmal ist die Handwerkergasse der Ort für Performance. So hat Bogdan Obradovic in einer der Hallen eine Art Zelt aus Malerflies und Latten gezimmert, die Vorlage lieferte ein Videospiel. Darin wird es Performances geben, Virtuelles mischt sich mit der Realität.

Das HBK-Foyer im Saarbrücker Haupthaus präsentiert sich in diesem Jahr in Schwarz-Weiß, inspirert von Frans Masereel, der als Maler, Zeichner und Grafiker nach dem Zweiten Weltkrieg in Saarbrücken lehrte. In Druckgrafiken, Typografie-Arbeiten und Graphic Novels setzen sich Studenten mit Masereels Werk, der als einer der Väter des Comic gilt, auseinander. Wer sich über den Lavendel-Duft im Foyer wundert: Elias Krause hat seine brutalen Kampfszenen auf Lavendel getränkte Bahnen gedruckt – als olfaktorischen Kontrast zu seinen Gewaltdarstellungen. Comic und Graphic Novel werden zukünftig ein Schwerpunkt im Master-Studiengang Kommunikationsdesign sein, kündigt die HBK  an.

Für den „Weißen Ring“ haben 26 junge Kommunikationsdesigner über 300 teils sehr originelle Werbeplakate und -Installationen entworfen. Sie werden in der Aula gezeigt. Mehrere interessante Abschlussarbeiten im Kommunikationsdesign sind ebenfalls zu sehen: Jennifer Graf beispielsweise findet Emoticons nicht aussagekräftig genug. Sie hat ihre Emotionen erst zeichnerisch in einem Skizzenbuch festgehalten und dann auf große Holztafeln digital übersetzt. Weil das Atelier von Sung-Hyung  Cho (Künstlerischer Film) zu klein ist, werden dort nur Film-Trailer gezeigt. Aktuelle Filmproduktionen der HBK laufen am Sonntag und Montag im Kino achteinhalb.



Fest etabliert haben sich die „Rotationen“: Die multimediale Großinstallation aus Videoprojektionen und Live-Jazz findet in diesem Jahr am 1. und 2. Juni an den Fassaden der Pavillons des Saarlandmuseums statt. Im Keller des Stengel-Gebäudes der HBK können Besucher ein Modell sehen.

Die Vielfältigkeit der Hochschule zeigt sich auch bei den Produktdesignern. Zwölf junge Produktdesigner haben in Zusammenarbeit mit BASF einen kompostierbaren Partikelschaum entwickelt, der nicht nur als Verpackungsmaterial, sondern auch im Möbeldesign einsetzbar ist. In der Glas- und Keramik-Werkstatt haben sich Studenten Gedanken gemacht, wie Objekte der Kulinarik – Teetassen, Teller, Vasen – aus anderen Kulturen eigenes Design inspirieren können. Das Atelier von Katrin Greiling hat sich anlässlich des 100. Jubiläums des Bauhauses in Dessau umgesehen und von den Design-Klassikern inspirierte, eigene Modelle gebaut.

Vielversprechend ist die Sound-Performance „Abendmahl“ im E-Haus. Andreas Oldörps Studierende haben sich zu einem Gemeinschaftswerk an einer langen Instrumententafel zusammengetan, die am Freitagabend bespielt wurde – zum Einsatz kamen alle möglichen Geräuschemacher, von der Zitter über alte Keyboards bis hin zu Murmeln, Klangschalen, Flöten und Bechern. Roman Konrad, Gründer des Silos und HBK-Student, lädt am Sonntag (12 Uhr) zur Frühschoppen-Performance. Nebenan, im Atelier von Eric Lanz, zeigen die Nachwuchs-Fotografen, was man so alles an Bildern kombinieren kann: „Zusammen-Arbeiten“ haben die Studierenden ihr Projekt genannt, bei dem sie ihre Fotografien so gruppieren, dass gemeinsame Motive, zufällige Querverbindungen und Themen sich erst auf den zweiten und dritten Blick erschließen. Betrachtungen, die die  Sinne schärfen.