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Saarbrücken 
Beklemmend: wie Verblendung und Verrohung um sich greifen

Beeindruckend und unbedingter Stoff für Schulen: Ruth Boguslawski (links) und Eva Ohnesorg lesen einen Text über das Erstarken der Nazis.
Beeindruckend und unbedingter Stoff für Schulen: Ruth Boguslawski (links) und Eva Ohnesorg lesen einen Text über das Erstarken der Nazis. FOTO: Kerstin Krämer
Saarbrücken . „Yiddische Tage“ im Theater im Viertel mit einer szenischen Lesung aus Kressmann Taylors beeindruckendem Brief-Roman „Empfänger unbekannt“

„Wer ist eigentlich dieser Hitler?“ Es ist diese Frage, wie beiläufig im Briefwechsel zweier Freunde eingestreut, die den schleichenden Bruch einer langjährigen Beziehung markiert. „Was ist los in Deutschland?“ will der besorgte Max von seinem Freund Martin wissen. Max und Martin waren in Amerika ziemlich beste Freunde und halten ihre Freundschaft nach Martins Rückkehr nach Deutschland mit einem Briefwechsel aufrecht.


Es ist 1932, Max ist ein jüdischer Galerist in San Francisco und Geschäftspartner des deutschen Bankiers Martin. Dieser hat sich in München erfolgreich etabliert, beruflich wie gesellschaftlich, und strebt eine Parteikarriere bei den Nationalsozialisten an. Die 30er Jahre waren aber leider nicht nur eine Zeit, in der man noch lange kultivierte Briefe schrieb, sondern auch eine Ära, in der eine rassistische Gesinnung eine ganze Nation vergiftete.

Wie ein einzelner Mensch sich von braunem Gedankengut anstecken lässt und korrumpiert wird, das zeigt am Beispiel von Martin der fiktive Briefroman „Empfänger Unbekannt“ der amerikanischen Autorin Kressmann Taylor – Enthüllungs-Literatur von erschreckend zeitloser Gültigkeit, die einem die Parallelen zur Gegenwart beklemmend bewusst macht.



Am Donnerstag kam das Buch als szenische Lesung auf die Bühne des Theaters im Viertel (TiV): Die Premiere lief im Rahmen der „Yiddishen Tage“, mit denen das TiV erneut sein Engagement für jüdische Kultur und Erinnerungsarbeit unter Beweis stellt. Im Anschluss will das TiV mit der Produktion durch Schulen touren, was als pädagogische Maßnahme nur zu begrüßen ist.

Denn besser kann man die Mechanismen der Verblendung, die damals griffen und die noch heute greifen, kaum offenlegen. Wie wird ein Mensch vom zweifelnden Zuschauer zum feigen Mitläufer und schließlich zum überzeugten Mittäter? Wie kann es passieren, dass jemand charakterlich derart verwahrlost, dass er alle seine bisherigen Überzeugungen verrät und sämtliche moralischen Skrupel verliert? Dass er Freunde verleugnet und sogar den Mord an seiner ehemaligen Geliebten feige billigt?

Was hier vor allem beeindruckt, ist die visionäre Klarsicht der Autorin. Denn Taylor, von Hause aus eigentlich Werbetexterin, schrieb ihren Roman bereits 1938 – als Quellen dienten ihr authentische Briefe, die von beunruhigenden Zuständen in Deutschland berichteten. Solche Gerüchte kommen auch Max zu Ohren, der seinen Freund Martin um Aufklärung bittet – dabei hat der die Argumente der Nationalsozialisten längst zu seinen eigenen gemacht. Max schreibt zunächst verwundert, schließlich mit unverhohlenem Entsetzen und flehentlich gegen die Verwandlung seines Freundes zum Judenhasser an.

Dass im TiV die Rollen mit Frauen besetzt sind, gibt der Sache einen ganz eigenen Dreh. Ruth Boguslawski (Max) und Eva Ohnesorg (Martin) lesen wunderbar unaffektiert und entspannt – je zurückgenommener das stumme Spiel, mit dem sie die Briefe kommentieren, umso eindringlicher. Taylor entlarvt die Lächerlichkeit des von Martin personifizierten nationalsozialistischen Gedankenguts nicht zuletzt dadurch, indem sie ihm Max als eine Art modernen weisen Nathan gegenüberstellt.

Dass allerdings am Ende dieser moralisch Überlegene dennoch perfide Rache für den Tod seiner Schwester nimmt und dass man als Zuschauer Max‘ raffinierten Akt der Selbstjustiz unwillkürlich als gerechte Strafe gutheißt – darüber wird man bei den Schulvorstellungen freilich ebenfalls reden müssen.

Die „Yiddischen Tage“ im TiV dauern noch  bis Sonntag. An diesem Samstag, 19.30 Uhr, gibt es „Farzeilen“, einen Abend zum jüdischen Witz und am Sonntag um 17 Uhr ein Konzert „Yiddishland“; Karten: (06 81) 390 46 02.