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Alt-Saarbrücken
Verkannte Nager: Was Ratten für ein gesundes Leben brauchen

Das ist eine der Ratten, die das Kleintier-Team des Heims gesundgepflegt hat. Sie und ihre Artgenossen brauchen ein neues Zuhause.
Das ist eine der Ratten, die das Kleintier-Team des Heims gesundgepflegt hat. Sie und ihre Artgenossen brauchen ein neues Zuhause.
Alt-Saarbrücken. Kleintierbetreuer im Bertha-Bruch-Tierheim müssen oft erst mal schwere Fehler der Vorbesitzer korrigieren – Das geht schon beim Nagerhaus los.

Eines ist vielen Besitzern von Ratten und Meerschweinchen nicht klar: Die Pfoten dieser Nagetiere haben eine empfindliche Haut, nicht dicker oder robuster als die des Menschen. Anders als bei uns Zweibeinern bildet sich bei Kleinnagern trotz fortgesetzter starker Belastung keine schützende Hornhaut.


Einerseits gibt das den Tieren ein feines Gespür für den Untergrund. Andererseits sind die Nagerpfoten immer anfällig für Druckstellen und Verletzungen. Haben die Tiere auch noch angeborene oder erworbene Fehlstellungen, hausen sie gar in Käfigen mit uringetränkter oder scharfer Streu oder auf Gitterböden, dann können sich sehr schmerzhafte Wunden und Geschwüre an der Ferse bilden (medizinisch: Pododermatitis ulcerosa).

Betroffen sind eigentlich immer die Hinterfüßchen, da sie bei diesen Tierarten den Großteil des Gewichts tragen. Das Leiden beginnt mit einer roten Druckstelle. Dann reißt die überlastete Haut auf. Keime wandern ein, es bildet sich eine oft eitrige Entzündung. Wer schon einmal trotz wunder Füße eine Wanderung oder einen langen Marsch durchstehen musste, weiß, wie sich das anfühlt.



Gehen die Halter mit ihren Tieren jetzt nicht zum Arzt, entsteht ein rasch tiefer ins Gewebe reichendes Geschwür. Sind erst Knochen und Gelenke von der Entzündung betroffen, verschlechtern sich die Aussichten für den kleinen Patienten deutlich.

So weit ist es bei den drei Brüdern von Rattenböckchen Rambo zum Glück noch nicht. Mit ihrem Papa Jerry kamen sie im Mai ins Tierheim Saarbrücken, weil ihre Familie keine Zeit mehr für sie hatte. Jerry war damals schon schwer krank, und im Juli musste ihn ein Tierarzt einschläfern.

Schon bei ihrer Ankunft hatten Jeronimo, Junior und Tarzan rote Druckstellen an den Hinterpfoten. An Tarzans rechtem Hinterfüßchen bildete sich schnell ein offenes Geschwür. Was tun? Erst mal, anders als die Vorbesitzer, ein richtiges Zuhause bieten. Gitterböden sind für Nager tabu. Der Untergrund sollte sauber, trocken, frei von Urin und weich sein. Die Betreuer legten für die Ratten alle Etagen mit sauberen Handtüchern aus, die sie regelmäßig wechseln. Bewährt haben sich hierfür auch preiswerte Fleecedecken aus dem Textildiscount, weich, schnell trocknend und bequem zuschneidbar.

Gegen Druckstellen und Geschwüre helfen Salben, die desinfizierend und heilungsfördernd wirken. Im wahrsten Sinne des Wortes erschwerend kommt bei Tarzan sein – wenn auch moderates – Übergewicht hinzu.

Domestizierte Meerschweinchen und Ratten sind ohnehin oft schon deutlich größer und schwerer als ihre wilden Verwandten. In besonderem Maße trifft das auf männliche Ratten zu, weshalb bei dieser Spezies fast ausschließlich die Böcke von Geschwüren an den Pfoten betroffen sind. Zusätzliches Übergewicht ist da ein großer Risikofaktor. Tarzans Versuch, sich über die Langeweile im Tierheim am Futternapf hinwegzutrösten, ging in die Breite. Da helfen eine verringerte Kalorienzufuhr, Beschäftigung und Zuwendung bei neuen Besitzern, die mehr Zeit für ihn haben.

Bei Jeronimo und Junior sind die bisher aufgeführten Maßnahmen ausreichend. Tarzan musste wegen seines tiefen, zum Teil eiternden und blutenden Geschwürs jedoch eine Zeit lang ein Antibiotikum und Schmerzmittel einnehmen. Inzwischen ist jedoch auch er auf einem guten Weg. Leider ist die Behandlung oft langwierig und eine gewisse Veranlagung bleibt auch nach dem Abheilen bestehen.

Deshalb suchen die Betreuer für ihr Rattenquartett ein Frauchen oder Herrchen, das den Füßchen der vier eine besondere Aufmerksamkeit und Pflege angedeihen lässt. Heimsprecher Frederic Guldner: „Sehr schwer ist das sicher nicht, denn wir stehen auch nach Vermittlung weiterhin mit Rat und Tat zur Seite und die stattlichen Herren lassen sich gut anfassen und behandeln, sind handzahm und lieb. Drei sind Black-Hooded, nur Tarzan ist wie sein verstorbener Vater ein Husky. Sie sind unkastriert und etwa 15 Monate alt.“

Bei ihren Vorbesitzern nahmen Kinder sie auf den Arm und trugen sie herum. Sie hatten auch Auslauf. Hier im Tierheim freuen sie sich riesig über jeden Besuch und jede Abwechslung, sie quellen einem förmlich entgegen, sobald jemand das Türchen öffnet. „Gebissen hat mich noch nie einer von Ihnen, auch ,Chef’ Rambo nicht. Abgesehen von ihrem kleinen gesundheitlichen Problem sind das also echte Anfängertiere“, sagt Expertin Astrid Finkler.

Vielleicht bekommen ihre drolligen Schützlinge ja bald mal Besuch.