Der Schreibunterricht soll besser werden

Schreiben : Stift oder Tastatur – wie wichtig ist die Handschrift heute?

Das Schreiben per Hand bleibt im digitalen Zeitalter wichtig, erklären Forscher. Den heutigen Schreibunterricht halten sie trotzdem für antiquiert.

(dpa) „A“ wie Apfel, „B“ wie Birne, „C“ wie Computer. Manche Buchstaben, die Erstklässler lernen müssen, sind einfach, andere gelingen nicht direkt im ersten Anlauf. Doch nach und nach erarbeiten sich die Grundschüler eine Technik, die sie ihr ganzes Leben lang begleiten wird: das Schreiben mit der Hand.

Schon seit Jahrzehnten diskutieren Wissenschaftler und Pädagogen über die Vor- und Nachteile verschiedener Schriftarten und Lernmethoden. Das digitale Schreiben kommt hinzu. Skeptiker sehen dadurch die Handschrift in Gefahr. Sie fürchten um das Kulturgut, aber auch um die motorischen Fähigkeiten, die beim Schreiben mit der Hand erlernt und gefördert werden. Wissenschaftler des Mercator-Instituts der Uni Köln haben nun Studien zu diesem Thema ausgewertet.

„Auf Grundlage der bisherigen Forschungsergebnisse ergibt es keinen Sinn, das Handschreiben und Tastaturschreiben gegeneinander auszuspielen“, schreibt der Direktor des Mercator-Instituts, Michael Becker-Mrotzek. „Anstatt die Entweder-oder-Frage zu stellen, sollten Lehrkräfte besser beide Techniken fördern und fordern.“ Zwar gebe es Hinweise, dass sich Schreiben mit der Hand positiv auf feinmotorische Fähigkeiten und das Gehirn auswirke. Andererseits gibt es den Forschern zufolge auch Erkenntnisse, dass Schüler beim digitalen Tippen längere, sprachlich bessere und inhaltlich sinnvollere Texte abliefern.

Auch Christian Marquardt vom Schreibmotorik-Institut beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, welche Bedeutung das Schreiben per Hand hat. Ihm zufolge ist es von Fähigkeiten der Schüler abhängig, ob die Handschrift positive Effekte habe oder nicht. Schreiben mit der Hand und das Tippen sind für den Experten zwei grundsätzlich unterschiedliche Abläufe. „Sie müssen beim Schreiben mit der Hand viel mehr in die Zukunft denken“, sagt Marquardt. Die Informationen müssten in kleine Einheiten zerlegt und der Bewegungsfluss müsse vorausgeplant werden. Da das Tippen grundsätzlich schneller gehe, sei es dabei nicht so sehr notwendig, Informationen stark zu abstrahieren.

„Es gibt da relativ massive Grabenkämpfe“, sagt Marquardt. Er selbst hält es wie die Kölner Forscher für sinnvoll, beide Methoden zu verzahnen. Wenn Kinder in der Handschrift einigermaßen sicher seien, könne man das mit digitalen Geräten unterstützen. „Ich würde digitales Schreiben nicht nur aufs Tippen beschränken“, sagt Marquardt. So könne etwa ein digitaler Stift helfen, die Handschrift zu verbessern.

Eine Online-Befragung des Verbands Bildung und Erziehung unter Grundschullehrern kam jedoch zum Schluss, dass bereits mehr als ein Drittel der Schüler Probleme hat, eine flüssige und lesbare Handschrift zu entwickeln. Die meisten sind sich einig: Ein spezielles Training würde helfen. Dafür bleibe aber im Schulalltag oft keine Zeit.

„Unser Schreibunterricht ist antiquiert und wird in dieser Form nicht überleben können“, kritisiert Marquardt. Durch größere und heterogene Klassen hätten Lehrkräfte nicht mehr ausreichend Zeit, um Kinder individuell zu fördern. Entscheidend ist also nicht so sehr, welche Schrift man schreibt oder mit welchem Medium, sondern dass man Raum und Zeit bekommt, das Schreiben zu lernen.

(dpa)