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Für jedermann sichtbar
Verfolgt von Snapchats Geist

Die neue Funktion „Snap Map“ birgt Stalking-Potenzial: Sie erstellt ein genaues Bewegungsprofil ihrer Nutzer und zeigt es auf einer Karte an.
Die neue Funktion „Snap Map“ birgt Stalking-Potenzial: Sie erstellt ein genaues Bewegungsprofil ihrer Nutzer und zeigt es auf einer Karte an. FOTO: Andrea Warnecke / dpa-tmn
Saarbrücken. Das soziale Netzwerk, das vor allem bei Jugendlichen beliebt ist, hat eine neue Funktion eingeführt, die den Standort seiner Nutzer genau ermitteln kann. Die sogenannte Snap Map stößt vor allem bei Datenschützern auf Kritik. Von Melissa Leonhardt

Ein weltweiter Umsatz von rund 155 Millionen Euro und mehr als 173 Millionen Nutzer, die täglich aktiv sind. Laut der Wirtschaftszeitung „Handelsblatt“ floriert das Geschäftsmodell rund um die Kurznachrichten- und Foto-App Snapchat, mit der Nutzer eigene Bilder und Videos versenden können. Doch eine neue eingeführte Funktion sorgt für Aufruhr. Denn die „Snap Map-Funktion“, eine interaktive Karte, mit der der Standort der Nutzer bestimmt werden kann, birgt Stalking-Potenzial.



Als Snapchat im September 2011 auf den Markt kam, stand die Möglichkeit, Bilder zu versenden, die maximal zehn Sekunden abrufbar sind, im Mittelpunkt. Heute können sich Nutzer zudem im Privat- oder Gruppenchat austauschen und ein digitales Tagebuch („Story“) mit Fotos und Videos aus ihrem Alltag führen. Und mit „Snap Map“ können Mitglieder jetzt erfahren, wo sich ihre Freunde gerade aufhalten. Dass sich daraus jedoch Gefahren ergeben können, ist vielen nicht bewusst.

Das Kernstück der Karte, die im ersten Moment stark an Google Maps erinnert, sind die sogenannten Bitmojis, also comic-ähnliche Figuren, die die einzelnen Benutzer wiedergeben sollen und auf der virtuellen Weltkarte verteilt sind. Diese Karten sind sehr genau. Durch einfaches Vergrößern der Karte können andere Kontakte problemlos den eigenen Standort erfahren. Ein Klick auf die Figur teilt mit, wann die App zum letzten Mal geöffnet und der Aufenthaltsort aktualisiert wurde. Acht Stunden lang sind die Daten in der Karte verfügbar, danach verschwindet der Bitmoji von der „Snap Map“. Mit Hilfe der zeitlichen Begrenzung will Snapchat Kritik von Datenschützern vermeiden.



Transparent ist die Einführung in die neue Funktion trotz allem nicht. So erscheint zwar beim erstmaligen Gebrauch der „Snap Map“ ein Erklärvideo, dieses verschweigt jedoch die automatische Aktualisierung des Standorts bei jedem Öffnen der App. So kann es passieren, dass Nutzer – im Glauben, dass ihr Aufenthaltsort nur einmal aufgezeichnet und veröffentlicht wird – die Standortbestimmung ständig aktivieren. Dass sie auch danach regelmäßig sensible Informationen über sich preisgeben, wird nur unzulässig erwähnt.

Außenstehende können mit Hilfe der App dann nachvollziehen, zu welchen Zeiten eine Person zu Hause, auf der Arbeit oder etwa im Fitnessstudio ist. Hat der Nutzer ein Profilbild, das sein eigenes Gesicht zeigt, kann die Person sogar erkannt und unbemerkt auf der Straße verfolgt werden. Laut Hauke Mormann von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen sei deshalb in jedem Fall ein neutrales Profilbild empfehlenswert. Auch angesichts des Altersdurchschnitts der Nutzer sollte diese Gefahr nicht unterschätzt werden: 40 Prozent der deutschen Mitglieder sind laut Hersteller jünger als 18 Jahre.

Childnet International, eine Initiative, die sich für mehr Sicherheit und eine kindgerechte Umgebung im Internet einsetzt, warnte bereits vor der umstrittenen Funktion. Demnach sollten Nutzer genau überlegen, mit wem sie ihren eigenen Standort teilen wollen. Da mit Hilfe der „Snap Map“ ein genaues Bewegungsprofil erstellt werden kann, sei es ratsam, den Aufenthaltsort vor allem vor Fremden zu verbergen. Der Medienratgeber „Schau hin!“, der unter anderem vom Bundesministerium für Familie finanziert wird, rät Eltern, gemeinsam mit ihren Kindern die Karte einzurichten und sie über alle Sicherheitsrisiken aufzuklären. Auch Anita Möllering vom Verein „Deutschland sicher im Netz“ empfiehlt Nutzern, die Fremde in ihren Kontakten haben, zu Vorsichtsmaßnahmen.

Dazu genügt ein kurzer Blick in die „Snap Map“-Einstellungen, die sich rechts oben in der Karte befinden. Dort können Nutzer entscheiden, ob alle Freunde den eigenen Bitmoji auf der Karte sehen können, oder ob sie den Zugriff auf ausgewählte Freunde beschränken wollen. Auch im sogenannten Geist-Modus sind die eigenen Daten geschützt: Dabei ist die eigene Figur unsichtbar, Nutzer können aber nach wie vor Freunde auf der Karte sehen. Soll jegliche Aufzeichnung der eigenen GPS-Daten unterbunden werden, können Nutzer in den Einstellungen die Ortungsdienste für Snapchat deaktivieren.