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Fahrrad-Kauf: Grenzen von stationärem und Online-Handel verschwimmen

Online-Handel versus stationärer Handel : Lohnt sich der Fahrrad-Kauf im Internet?

Niedrige Preise und große Auswahl locken beim Fahrrad-Kauf online. Doch es sind auch Nachteile damit verbunden.

Die Fahrrad-Branche ist nicht erst seit der Corona-Pandemie ein Wachstums-Markt. Schon 2019 konnte sie mit 4,31 Millionen verkauften Fahrrädern und E-Bikes ein Wachstum von 3,1 Prozent verzeichnen, so der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV). Zwar kauft die Mehrzahl der Kunden nach wie vor beim stationären Handel, ein Viertel aber erwirbt das neue Rad via Online-Shop oder Internet-Versender. „Grundsätzlich hat der Online-Versand auch beim Fahrrad durchaus seine Berechtigung, immerhin kann man hier bei gleicher Qualität durchaus ein paar hundert Euro sparen“, sagt René Filippek. Koste zum Beispiel ein mit wertigen Komponenten ausgestattetes Hardtail-Mountainbike bei einem Direkt-Versender um die 1500 Euro, so müsse man für dieselbe Qualität bei einer entsprechenden Handelsmarke wahrscheinlich mit 1800 bis 2000 Euro rechnen, sagt der Technikexperte vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC).

Vor Ort oder online kaufen – die Zeitschrift E-Mountainbike hat dazu eine Untersuchung mit 3000 Teilnehmern gemacht. Eine Erkenntnis laut Herausgeber Robin Schmitt: Die Grenzen zwischen Online-Handel und stationärem Fachhandel verschwimmen. Und durch Corona sei dieser Trend noch einmal verstärkt worden. Auch er zweifelt nicht an der Qualität der Internet-Räder von Marken wie Canyon, Rose oder Radon, sondern sieht die Hersteller gut aufgestellt. „Regelmäßig gewinnen Canyon, Rose und Co. Vergleichstests“, sagt er, gibt aber auch zu bedenken: „Eine Sitzprobe oder eine Probefahrt fällt in vielen Fällen weg.“ Und man sollte sich darüber im Klaren sein, ob man damit zurechtkomme, zunächst einmal keinen persönlichen Ansprechpartner vor Ort zu haben, wie ihn der stationäre Handel garantiere.

Zwar verfügen Anbieter wie Canyon oder Rose mittlerweile über exklusive Läden, und die Manufaktur HNF-Nicolai schicke sogar einen Mitarbeiter mit mehreren Rädern zur Probefahrt beim Kunden vorbei, erklärt der Journalist. „Dennoch kann es nicht schaden, wenn man in der Lage ist, kleinere Arbeiten wie etwa die Anpassung des Lenkers, des Sattels oder die Anbringung der Pedalen selbst zu erledigen.“ Auch für Filippek ist „die große Achillesferse beim Onlinehandel“, dass man sich das Fahrrad meist nicht in natura anschauen könne und so gewissermaßen die Katze im Sack kaufe.

Dennoch ist es nicht so, dass der Internet-Käufer ab dem Augenblick, in dem das Rad per Spedition geliefert wurde, auf sich alleingestellt ist. Tatsächlich bemühen sich Online-Anbieter, Kunden bei Problemen zumindest per Fernwartung mit gutem Rat, bisweilen auch mit Tat zur Seite zu stehen. Doch was ist, wenn sich ein Problem so nicht lösen lässt oder ein Garantiefall eintritt? „Dann ist es natürlich aufwändiger, das Rad, das ich online gekauft habe, zum Versender zurückzuschicken, als ein Rad vom Händler vor Ort in dessen Werkstatt zu bringen“, sagt Filippek. Der Aufwand beginnt schon damit, eine geeignete, sichere Verpackung zu besorgen. „Es ist sinnvoll, den sperrigen Karton, in dem das Rad geliefert wurde, aufzubewahren“, lautet Schmitts Rat.

 Das online bestellte Rad muss nach Anleitung zusammengebaut werden. Erst dann kann in die Pedale getreten werden.
Das online bestellte Rad muss nach Anleitung zusammengebaut werden. Erst dann kann in die Pedale getreten werden. Foto: dpa-tmn/www.ebike-mtb.com

Reparaturen am Versender-Rad mal eben vom Händler vor Ort erledigen zu lassen ist nicht immer möglich. „Manche Händler vertreten noch den Standpunkt, dass der Versandhandel den schleichenden Tod der Branche nach sich zieht“, sagt Filippek. Schmitt pflichtet ihm bei: „Seit Jahren gibt es einen Zwist zwischen den Direktversendern auf der einen und dem Handel auf der anderen Seite, der ein großes Risiko in den preisaggressiven Angeboten der Online-Anbieter sieht.“ Das führe dazu, dass sich Händler vor Ort bisweilen weigerten, Räder, die nicht bei ihnen gekauft wurden, zu warten oder zu reparieren.

Filippek hat zwar Verständnis dafür, dass die Händler in Hoch-Zeiten, wie im vergangenen Sommer, als viele Werkstätten über Wochen ausgebucht waren, zunächst ihre eigenen Kunden versorgen. Er will aber auch einen Trend hin zu einer Öffnung des Fachhandels erkannt haben. „Mancher Händler sieht die Chance, mit einem breiten Service-Angebot so entscheidend zu punkten, dass der Kunde das nächste Rad dann nicht mehr online, sondern bei ihm kauft“, sagt Filippek. Überhaupt generiere der Fachhandel längst einen Teil seines Umsatzes mit Service- und Werkstattleistungen.

Dass Online-Käufer im Reparaturfall im Nachteil sind, glaubt auch Schmitt nicht. „Service-Probleme oder Wartezeiten können überall auftreten, beim Onlinehandel, aber auch im Fachbetrieb.“ Im Übrigen gebe es immer mehr Service-Dienstleister und freie Werkstätten, denen es egal sei, wo man das Rad, das zu reparieren sei, zuvor gekauft habe. Komplexere Probleme, etwa ein defekter E-Motor, könnten häufig ohnehin nicht vor Ort gelöst werden.

(dpa)