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Klickarbeit im Akkord
Die Tagelöhner des World Wide Web

 Von Zuhause aus zu arbeiten, ist für viele Menschen eine attraktive Vorstellung. Wie alle Selbstständigen genießen allerdings auch Clickworker kaum die Vorteile eines regulären Angestelltenverhältnisses.
Von Zuhause aus zu arbeiten, ist für viele Menschen eine attraktive Vorstellung. Wie alle Selbstständigen genießen allerdings auch Clickworker kaum die Vorteile eines regulären Angestelltenverhältnisses. FOTO: Christin Klose/dpa-tmn / Christin Klose
Berlin. Im Internet bezahlen viele Firmen sogenannte Clickworker für einfache Arbeiten. Reich wird damit niemand. Von Michelle Skowron

Es ist 8:30 Uhr. Werner Münch fährt seinen Rechner hoch und überprüft wie jeden Morgen seine E-Mails. Im Hintergrund öffnet er die Internetseite der Online-Plattform clickworkers.com. Nach der Anmeldung erscheint seine persönliche Startseite. Werner Münch prüft, welche Aufträge im Moment für ihn bereitstehen und bearbeitet werden können.


Eigentlich ist Werner Münch freiberuflicher Webdesigner. Um sein monatliches Gehalt aufzubessern, entschied sich der 59-Jährige für eine Nebentätigkeit als Clickworker (Klickarbeiter). „Ich habe länger mit dem Gedanken gespielt, es einmal auszuprobieren“, erzählt er. „Ich arbeite ohnehin fast ausschließlich am Computer und meine Neugierde war zu groß.” Das war im Oktober 2016 – Werner Münch ist bis heute dabei.

Click- oder Crowdworker erledigen kleine Aufträge für Unternehmen, die nur wenige Minuten in Anspruch nehmen sollen. Größtenteils sind das standardisierte Routinearbeiten. Sie recherchieren zum Beispiel Adressen, Öffnungszeiten oder Preise im Internet oder testen, ob Links funktionieren. Diese Aufgaben werden von Firmen aus unterschiedlichen Industriezweigen ins Internet ausgelagert und auf speziellen Plattformen zur Bearbeitung bereitgestellt.



Hauptberuflich richtet Werner Münch Internetpräsenzen wie Online-Shops ein und berät Kunden, wie sie ihre Webseiten optimieren können, um besser bei Suchmaschinen gefunden zu werden. Da er täglich sechs Stunden am Computer verbringt, kommt ihm die Flexibilität der Arbeit gelegen. „Ich kann solche Kleinarbeiten gut dazwischenschieben. Immer wieder schaue ich kurz rein, ob etwas Neues an Aufträgen dazu gekommen ist“, sagt Münch. „Wenn mich etwas interessiert, nehme ich es an.“

Die Plattform listet alle Aufträge, die dem Clickworker aktuell angeboten werden. Sie werden auf das persönliche Profil abgestimmt, das auch Interessen und Kompetenzen wie Fremdsprachenkenntnisse berücksichtigt. Heute muss Werner Münch anhand eines Fotos die Farbe eines Kleidungsstücks bestimmen. Aus fünf Antwortmöglichkeiten wählt er die Farbe aus, die dem Produkt auf dem Bild am nächsten kommt. Für den einzelnen Klick gibt es zwei Cent.

Neben solchen Kleinstaufträgen werden aber auch anspruchsvollere Aufgaben angeboten. Grafiken müssen bearbeitet, Designs erstellt oder kurze Werbetexte geschrieben werden. Hierfür erhält der Clickworker zwischen vier und sieben Euro. Am liebsten bearbeitet der 59-Jährige wissenschaftliche Umfragen. Die Auswertung dauere etwa zehn Minuten und werde mit zwei bis vier Euro vergütet, erzählt er.

Zwei bis vier Stunden wöchentlich investiert der Selbstständige in seinen Zusatzverdienst. Dies ergibt 60 bis 80 Euro im Monat. Da er hauptberuflich ausreichend ausgelastet ist, spielt das Clickworking nicht täglich eine Rolle. „Ich bin nicht darauf angewiesen. Wenn ich am Tag genug zu tun habe, schaue ich gar nicht ins Portal“, sagt Münch. „Manchmal ist die Auftragslage dort aber auch einfach mau.“

Nach aktuellen Untersuchungen des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales arbeitet circa ein Prozent der Erwerbstätigen, 446 000 Personen, als Clickworker in Deutschland. Neben dem Marktführer clickworker.com gibt es weitere Plattformen wie Crowd Guru, Testbirds oder Streetspotr.

Die Tätigkeit eines Clickworkers gilt als selbstständig. Clickworker müssten ein Gewerbe als Kleinunternehmer anmelden und ihr Einkommen in der Steuererklärung aufführen, so das gewerkschaftliche Portal Fair Crowd Work. Als Selbstständige zahlen sie weder in die gesetzliche Rentenversicherung noch in die Kranken- und Sozialversicherungen ein. Sozial abgesichert sind sie über diese Arbeit nicht. Auch arbeitsrechtliche Regelungen griffen bei Clickworkern oft nur bedingt, warnt der Techniksoziologe Christian Papsdorf von der Technischen Universität Chemnitz. Sie seien vollkommen von den Plattformbetreibern abhängig und hätten meist nur wenig Mitspracherecht. Auch gebe es keine Betriebs- oder Personalräte, die die Interessen der Arbeiter vertreten würden.

Immerhin bietet die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ­(Verdi) rechtliche Beratung an und macht politische Lobbyarbeit für Clickworker. Im Fokus stehen Punkte wie Sozial­versicherung, Mitbestimmung und Bezahlung. Unter anderem setzt sich die Gewerkschaft für eine Erweiterung der Sozialversicherung für Arbeitnehmer ein. Auch die Indus­triegewerkschaft Metall fordert, dass Click- und Crowdworker in die gesetzliche Rentenversicherung einbezogen werden müssen.

Für den Freiberufler Werner Münch ist das Clickworking trotzdem ein bequemer Zusatzverdienst. Da es keinen erheblichen Teil seiner Arbeit einnimmt, zählen für ihn hauptsächlich die Vorzüge des Nebenjobs. Deshalb werde er weitermachen, sagt Münch.