Dressurreiterin Isabell Werth wird beim CHIO in Aachen 50 Jahre alt

Isabell Werth wird 50 Jahre : Von Herzenspferden und Goldmedaillen

Dressurreiterin Isabell Werth feiert beim CHIO in Aachen, dem größten Pferdesportereignis der Welt, ihren 50. Geburtstag.

Der Weg führt einmal quer über den Hof, vorbei an einem Dressur-Viereck hin zum Stalltrakt. Die tierischen Billion Dollar Babies recken ihre Hälse, freudig begrüßen sie die Chefin. Isabell Werth geht zielstrebig auf eine der geräumigen Boxen zu, Bella Rose allerdings ist eher desinteressiert. „Sie denkt, dass es was zu fressen gibt, weil in der Stallgasse Betrieb ist“, sagt Werth und zieht den Kopf der Stute ganz dicht an ihr eigenes Gesicht: „Bella ist mein Herzenspferd.“

Bella Rose, die vierbeinige Göttin der Dressur, Emilio, der Sensible, der sich verzieht, wenn der Hufschmied um die Ecke kommt, Don Johnson, der Rüpel, der gerne mal seine Box zerlegt und in dessen hübschem Gesicht man den frechen Kerl erkennen kann. Und natürlich die schwarze Schönheit Weihegold, die bei Olympia 2016 in Rio Gold und Silber aus dem Feuer holte – sie leben hier in Rheinberg Box an Box. Unterschiedlichste Charaktere, die Isabell Werth alle ganz genau lesen kann. „Ich passe mich den Pferden an“, sagt sie: „Ich höre sie, ich fühle sie, ich verstehe sie.“

Die Erfolge der bodenständigen Frau, die auf dem blitzsauberen Hof in Rheinberg geboren und aufgewachsen ist und die am Sonntag in Aachen ihren 50. Geburtstag feiert, füllen mehrere Seiten in den Geschichtsbüchern des Sports. Sechs Mal olympisches Gold, neun WM- und 17 EM-Titel sind die Höhepunkte einer beispiellosen Karriere. Dennoch blickt die so unprätentiöse Isabell Werth gar nicht mal in erster Linie auf den Sport, wenn sie eine Bilanz ihres halben Jahrhunderts zieht: „Ich habe das große Glück, so leben zu dürfen, wie ich es möchte, was will ich mehr? Ein Grund, warum ich im Moment so gut bin, ist die Tatsache, dass ich einfach glücklich bin.“

An diesem Glück sind einige ganz spezielle Menschen beteiligt. Zuallererst Mutter Brigitte und Vater Heinrich, der noch mit 83 Jahren tatkräftig auf dem Hof anpackt („Man muss was tun“), die ältere Schwester Claudia, ihr Lebensgefährte Wolfgang Urban, ihr Sohn Frederik (9), der noch nicht die ganz große Affinität zum Reiten erkennen lässt, ihr sportlicher Wegbereiter Uwe Schulten-Baumer, „ohne den ich nicht hier sitzen würde“. Und natürlich ihre Mäzenin und beste Freundin Madeleine Winter-Schulze: „Sie ist eine enge Vertraute, sie gehört zu meiner Familie. Madeleine unterstützt mich zu 100 Prozent, in guten wie in schlechten Zeiten.“

Und dann diese wunderbaren Pferde. Gigolo, den ihr Uwe Schulten-Baumer, der „Doktor“, auf dessen Hof sie einst als 17-Jährige kam, anvertraute und der sie 1996 in Atlanta erstmals zur Einzel-Olympiasiegerin machte. Satchmo, der ihr so viel abverlangte und heute mit stolzen 25 Jahren gemeinsam mit seinem kleinen Pony-Freund Kelly die Rente auf den großzügigen Rheinberger Weiden genießt. Anthony, Fabienne, Apache, Warum nicht, den alle nur Hannes nannten, heute Weihegold, Emilio, Don Johnson, Belantis, der junge Star in the making, und eben Bella Rose.

Mit ihrem Traumpferd, in das sie sich verliebte, als sie die damals dreijährige Stute erstmals sah, möchte Isabell Werth die nächsten großen Ziele in Angriff nehmen. Beim CHIO in Aachen startet Bella Rose im Nationenpreis und in der Kür. Mit der Stute, die im Dezember 15 wird, sind auch die EM im August in Rotterdam und Olympia 2020 in Tokio geplant. Aber: „Wir alle wissen, was in einem solchen Zeitraum an Unvorhersehbarem passieren kann, deshalb bin ich da sehr demütig und sehr abwartend.“

Wenn alles passt, wenn Reiterin und Pferde gesund bleiben, soll in Tokio das nächste goldene olympische Highlight folgen. Ob es das letzte sein wird, darüber hat sich Isabell Werth noch keine Gedanken gemacht: „Jeder will immer wissen, wann hört sie denn nun auf? Ich kann es wirklich nicht sagen, aber ich werde es sicher nicht abhängig machen von einer Medaille oder einem großen Sieg.“ Irgendeines Morgens wird sie vielleicht aufwachen und wissen: Das war‘s. Bestimmt aber erst eines fernen Morgens, denn: „Im Moment bin ich noch ganz gut drauf, ich werde bestimmt noch ein paar Tage durchhalten.“

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