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Das Rätsel Muttermord

Muttermorde sind nicht nur rätselhaft, sondern auch uralt: Antipater, König von Makedonien, ermordete seine Mutter Thessalonike 287 v.Chr, wie dieser Kupferstich zeigt. Fotos: Wagner/dpa (2)
Muttermorde sind nicht nur rätselhaft, sondern auch uralt: Antipater, König von Makedonien, ermordete seine Mutter Thessalonike 287 v.Chr, wie dieser Kupferstich zeigt. Fotos: Wagner/dpa (2)
Oldenburg/Hannover. Eine 14-Jährige aus Varel soll ihre eigene Mutter ermordet haben. Experten rätseln, was die Motive für so eine Tat sind. Christoph Koopmann

(dpa) Varel ist eine beschauliche Kleinstadt in Friesland, die Polizei hat es hier eher selten mit Kapitaldelikten zu tun. Doch in der Nacht zum Montag fanden Polizisten im Ortsteil Büppel eine 39 Jahre alte Frau tot in ihrer Wohnung, umgebracht mit mehreren Messerstichen. Unter Mordverdacht geriet schnell die 14-jährige Tochter, für sie wurde zusammen mit einem 15-jährigen Jungen Untersuchungshaft angeordnet. Dass Kinder oder Jugendliche ihre Eltern umbringen, das ist in Deutschland nach Einschätzung von Experten ein eher seltenes Verbrechen.



Was können Motive für den Mord an der eigenen Mutter sein? "Manchmal geht es um gestörte romantische Liebe, manchmal um Geld", sagt Axel Petermann. Er hat als Profiler bei der Bremer Kriminalpolizei mehr als 1000 Tötungsdelikte unter sucht. Sein Job: Aus Spuren zu schließen, wie die Täter ticken.

Aus Erfahrung weiß er: Verbotene Liebe und Geldnot sind nur zwei von vielen Gründen für "Parentizide", so das kriminologische Fachwort für den Elternmord. Häufig handelt es sich um Täter, die in einer Art "Symbiose" mit den Eltern leben, sagt Petermann. "Oft sind es schwache Persönlichkeiten, die dem Druck nicht mehr standhalten, sich den Eltern gegenüber immer zurückzunehmen." Einheitliche Muster gebe es fast nie. Wie oft eine Eltern-Kind-Beziehung derartig eskaliert, zählt keine Statistik. "Muttermord ist ein sehr seltenes Phänomen", sagt Petermann. Einer der jüngeren Fälle in Deutschland ereignete sich im Januar vergangenen Jahres, als eine 17-Jährige in Laatzen bei Hannover ihre Mutter tötete. Meistens stellen Fälle von Muttermord die Ermittler vor viele Rätsel.

Auch Thomas Bliesener hält den Muttermord für sehr selten. Ohnehin kämen Mord und Totschlag in Deutschland seltener vor als in anderen Ländern, beispielsweise den USA, sagt der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover. Kinder bis 14 Jahre hätten im vergangenen Jahr nur bei zehn Tötungsdelikten unter Tatverdacht gestanden. "Dass Jugendliche dann auch noch ihre Eltern umbringen, passiert fast nie", sagt Bliesener. Dennoch ist das Phänomen Muttermord uralt. Einer der bekanntesten Fälle ist derjenige des Orestes. Laut griechischer Sage soll der Bruder der Iphigenie seine Mutter umgebracht haben. Er wollte sich an ihr dafür rächen, dass sie einst seinen Vater ermordet hatte.

Auch im Fall der toten 39-Jährigen in Varel ist noch vieles unklar. Die Tochter und ihr 15-jähriger Freund sitzen in Untersuchungshaft, nachdem die Polizei die mutmaßliche Tatwaffe, ein Messer, in der Wohnung des Jungen gefunden hatte. Laut Staatsanwaltschaft Oldenburg wird derzeit überprüft, ob der Junge zur Tatzeit unter Drogeneinfluss stand. Angaben über mögliche Motive der beiden Jugendlichen machen weder die Staatsanwaltschaft noch die Polizei Friesland.