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Der Gelbe Engel war ein Bengel

München. Eine Überraschung ist es nicht: Teilnehmerzahl und Stimmergebnisse beim Autopreis „Gelber Engel“ wurden jahrelang gefälscht. Der ADAC bekommt in den kommenden Tagen Post: Viele Autohersteller geben ihre Auszeichnung zurück. Von SZ-MitarbeiterThomas Magenheim-Hörmann

Nun ist es offiziell. Beim ADAC-Autopreis "Gelber Engel" wurde jahrelang systematisch gefälscht. Im Jahr 2010 ist mit der E-Klasse von Mercedes sogar ein falscher Sieger durchs Ziel gegangen. An den Tag gebracht haben das nun Untersuchungen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte. Eigentlich wäre von den ADAC-Mitgliedern vor vier Jahren das Audi A5 Cabriolet zum Lieblingsauto der Deutschen gewählt worden. In der offiziellen und damit gefälschten Statistik kam das Modell aber nur auf Rang vier. Das Fazit von Deloitte nach einer Untersuchung der Jahre 2009 bis 2014 ist für den Pannenhilfeclub vernichtend. "Für sämtliche Jahre, die wir auswerten konnten, können wir eindeutig belegen, dass sowohl die Teilnehmerzahlen als auch die Stimmergebnisse bei der Wahl zum Lieblingsauto des ‚Gelben Engel' umfangreich manipuliert wurden", erklärte Deloitte-Experte Frank Marzluf.

Durch die bewussten Veränderungen sei gezielt eine größere Markenvielfalt unter den fünf angeblich meistgewählten Autos erreicht worden. Ein Insider mit Einblick in die Untersuchungen bringt es auf den Punkt. "Es ging darum, jedem mal zum Zug kommen zu lassen." Bevorzugt wurden offenkundig die großen deutschen Autobauer als Gruppe, aber kein einzelner Konzern. Die Zahl der abgegebenen Stimmen sei im Schnitt mit dem Faktor zehn bis 15 multipliziert worden. Hinweise auf eine Vorteilsnahme durch den mutmaßlich Hauptverantwortlichen, den gefeuerten ADAC-Kommunikationschef Michael Ramstetter, habe man nicht gefunden. Dieser habe sich für seine Manipulationen offenbar nicht bestechen lassen, heißt das mit anderen Worten.

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer äußert dagegen einen Verdacht, der den ADAC als Nutznießer der Manipulationen darstellt. "Da liegt die Vermutung nahe, dass davon auch das Werbeanzeigengeschäft profitieren sollte", sagte der Professor der Universität Duisburg-Essen mit Blick auf die ADAC-Clubzeitschrift "Motorwelt".

Frühere Daten fehlen

Die ganze Wahrheit wird man möglicherweise nie erfahren. Denn die Anfangsjahre des "Gelben Engel" konnte Deloitte gar nicht mehr überprüfen. Für die Jahre 2005 bis 2008 hatten sie keine Daten, schreiben die Ermittler. Illusionen machen sie sich die aber auch über die fehlenden Jahre nicht. Wegen der Systematik der nachgewiesenen Fälschungen "ist es in hohem Maße wahrscheinlich", dass auch die Ergebnisse 2005 bis 2008 frisiert worden sind, räumt ein Insider ein.

Als weiterhin gültig wird indessen die These vom Einzeltäter Ramstetter angesehen. Gegen ihn bereitet der ADAC mittlerweile rechtliche Schritte vor. Entschieden werden soll darüber Anfang kommender Woche, wenn der dritte und letzte Teil der Deloitte-Untersuchung vorliegt. Darin prüfen die Ermittler, ob auch bei den anderen vier Preiskategorien des "Gelben Engel" wie zum Beispiel der besten Automarke oder dem pannensichersten Wagen manipuliert wurde. Den Preis hat der ADAC mittlerweile beerdigt. Die Hersteller BMW, VW und Daimler geben ihre Trophäen zurück.