Vom Trotz der Katalanen

Die Befragung der Katalanen über eine Loslösung von Spanien wurde in einigen europäischen Regionen mit besonderer Spannung verfolgt. Denn Unabhängigkeitsbestrebungen gibt es nicht nur in Katalonien.

Schottland: In Schottland fand im September eine Volksabstimmung über die Loslösung von Großbritannien statt. Die Unabhängigkeitsgegner setzten sich bei einer Wahlbeteiligung von fast 85 Prozent mit 55,3 Prozent der Stimmen durch. Baskenland: Fast 50 Jahre lang kämpfte die Untergrundorganisation Eta bewaffnet für einen unabhängigen baskischen Staat. Im Jahr 2011 erklärte die ETA einen Gewaltverzicht. Doch die Flamme ist nicht erloschen: Im Juni gingen mehr als 100 000 Basken auf die Straße und demonstrierten mit einer 123 Kilometer langen Menschenkette friedlich für die Unabhängigkeit ihrer Region. Padanien: In Italien fordert die aus verschiedenen Autonomiebewegungen entstandene Lega Nord seit Jahren die Unabhängigkeit "Padaniens" von Rom. Zu Padanien zählt die Lega Nord die norditalienischen Regionen Lombardei, Aosta, Piemont, Ligurien, Venetien und die Emilia-Romagna mit insgesamt 25 Millionen Einwohnern. Südtirol: Auch in Südtirol wird der Ruf nach einer Volksabstimmung über eine Loslösung der traditionell deutschsprachigen Region von Rom lauter. Dafür treten drei Parteien ein, die zehn von 35 Mitgliedern des Landtags in Bozen stellen. Flandern: In Belgien setzt sich die Neu-Flämische Allianz (NVA) unter Bart De Wever für die Unabhängigkeit Flanderns ein. Aus den jüngsten Parlamentswahlen ging sie als Siegerin hervor. Ihr Ziel will die Partei auf lange Sicht und friedlich erreichen. Korsika : Auf der Mittelmeerinsel Korsika kämpften militante Gruppen mehrere Jahrzehnte lang mit Gewalt für eine Unabhängigkeit von Frankreich. Erst im Juni kündigte die Organisation FLNC an, dass sie künftig auf ihren bewaffneten Kampf verzichten werde.

Meinung:

Ein Stich ins Herz der Nation

Von SZ-MitarbeiterRalph Schulze

Lange Schlangen vor Wahllokalen in Katalonien signalisierten, dass der Unabhängigkeitswille in der nordostspanischen Mittelmeerregion ungebrochen ist. Auch wenn diese Volksbefragung wegen des Einspruchs der Verfassungsrichter keine offizielle sein durfte, so ist dieser symbolische Akt der Bürgerbeteiligung doch ein weiterer Stich ins Herz der spanischen Nation. Da wird es wenig helfen, wenn Spaniens konservativer Ministerpräsident, Regierungschef Mariano Rajoy , versichert, dass diese Abstimmung "überhaupt keine Auswirkungen" hat. Staatsrechtlich gesehen natürlich nicht: Die wirtschaftsstarke Tourismusregion Katalonien mit ihrer Metropole Barcelona wird sich nicht von Spanien verabschieden. Aber mittelfristig rückt das Szenario eines Bruchs mit dem spanischen Königreich zweifellos näher.