Schwere Klatsche für den Kreml

Was für ein Schlag gegen den Kreml: Russland soll 50 Milliarden Dollar an Aktionäre des Ölkonzerns Yukos zahlen. Erweist sich die Yukos-Zerschlagung als Kardinalfehler des Waldimir Putin?

Milliardenschwere russische Ölmagnaten, die nach Israel fliehen, Treuhandgesellschaften im Steuerparadies Guernsey, eine Aktionärsgruppe mit Sitz in Gibraltar - und mittendrin der Kreml in Moskau . Das ist der Stoff, aus dem der Wirtschaftskrimi um das Vermögen des einstigen Yukos-Konzerns von Kreml-Gegner Michail Chodorkowski gemacht ist.

Nach zehn Jahren zähen Ringens haben die ehemaligen Eigner der Firma einen mächtigen Schlag gegen Russland gelandet, der auch bei der kampferprobten Garde um Präsident Wladimir Putin Wirkung zeigen dürfte. Der Ständige Schiedsgerichtshof in Den Haag sprach ihnen eine Entschädigung in der gigantischen Rekordhöhe von 50 Milliarden US-Dollar (umgerechnet 37 Milliarden Euro) zu. Yukos sei vom Kreml "aus politischen Gründen" zerschlagen worden, befanden die drei Richter.

Geklagt hatte die GML Holding, in der 60 Prozent der früheren Anteile des einst größten Ölkonzerns der Welt gebündelt sind. Moskau hatte die Yukos-Führung um Chodorkowski und Platon Lebedew Anfang des Jahrtausends im Handstreich abgesetzt. Die Anteile wurden in einer nur Minuten dauern-den und von vielen Beobachtern als Farce bezeichneten Auktion an den Staatskonzern Rosneft versteigert. 20 Prozent an Rosneft gehören inzwischen dem britischen Energiekonzern BP . Dessen Management hielt sich gestern bedeckt.

Die GML mit Sitz in Gibraltar wird über einen Trust auf der britischen Steueroase Guernsey gesteuert. Dahinter stehen die großen Namen von Yukos . Etwa Lebedew, der einstige Finanzjongleur des Ölkonzerns, der wie Chodorkowski wegen Betrugs und Steuerhinterziehung in Milliardenhöhe in Lagerhaft nördlich des Polarkreises genommen worden war. Oder Leonid Nevlzin, der von einem russischen Gericht in Abwesenheit wegen eines angeblichen Mordkomplotts zu lebenslanger Haft verurteilt worden war und inzwischen in Israel lebt. Ihm gehören 70 Prozent der GML-Anteile, nachdem ihm Chodorkowski seine Aktien übertragen hatte.

In London , wo GML-Chef Tim Osborne die internationalen Medien über seinen Sieg gegen den Kreml informiert, knallten gestern die Sektkorken. "Insgeheim hätte ich nicht geglaubt, dass es diese Summe werden wird", sagt der gewiefte Londoner Wirtschaftsanwalt. Doch auch ihm ist klar, dass der Sieg vor dem Schiedsgericht nur eine Etappe ist. Bis das Geld aus Russland fließt, kann es Jahre dauern.

Russland will alle Register ziehen, um der Entschädigungszahlung zu entkommen. Sie würde zehn Prozent der Währungsreserven des Landes ausmachen, und sie ist so groß wie die Ausgaben für die Olympischen Winterspiele in Sotschi. Außenminister Sergej Lawrow äußert sich unmissverständlich. Die Kläger wissen das und arbeiten hinter den Kulissen an einer Strategie, wie sie an das Geld kommen.

"Aber es ist traurig, dass die Entschädigung aus der Staatskasse kommen wird und nicht aus den Taschen der Mafiosi mit Beziehungen zur Macht und aus denen von Wladimir Putins Oligarchen", sagte gestern Ex-Yukos-Chef Michail Chodorkowski . Osborne legt Wert auf die Feststellung, dass der Spruch des Schiedsgerichts nach 37 Verhandlungstagen einstimmig - also mit ausdrücklicher Zustimmung auch des von Russland nominierten Richters Stephen Schwebel - zustande kam und keinen politischen Hintergrund hat. Hochpolitisch sind die Auswirkungen des Schiedsspruches dennoch. Er bedeutet einen gewaltigen Schlag gegen Putins in der Rezession befindliches Russland. Er erfolgt ausgerechnet in einer Phase der politischen Eiszeit zwischen Moskau und dem Westen.