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Die Linkspartei sucht ihre Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl

Linkspartei sucht Spitzenkandidaten für Bundestagswahl : Mann und Frau, pragmatisch und radikal

Wie die Linkspartei um die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl im Herbst ringt.

Nicht nur Union und Grüne stehen vor wichtigen personellen Weichenstellungen für die Bundestagswahl im Herbst. Auch bei den Linken bahnt sich eine Entscheidung an: „Es wäre gut, wenn wir die Frage der Spitzenkandidatur noch im April klären könnten“, sagte Linkspartei-Chefin Janine Wissler am Dienstag in einem Interview. Sie selbst könnte Teil der Lösung sein.

Die Frage der Spitzenkandidatur war in der jüngeren Geschichte der Linken stets ein Quell erbitterten Streits gewesen. Für das Wahljahr 2017 setzten sich Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch durch, nachdem die Parteivorsitzenden Katja Kipping und Bernd Riexinger alles versucht hatten, um die beiden Fraktionschefs auszubremsen. Vier Jahre davor hatte die Linke sogar acht Spitzenkandidaten ins Rennen geschickt, um persönliche Animositäten notdürftig zu übertünchen. Dem damaligen Fraktionschef Gregor Gysi wurde ein Trupp mehr oder minder unbekannter Genossen an die Seite gestellt. „Gysi und die sieben Zwerge“, spotteten Beobachter seinerzeit.

Diesmal ist vieles anders. Dem Vernehmen nach wird die Kandidatenfindung in linken Führungskreisen schon länger erörtert, ohne sich darüber öffentlich zu zerfleischen. Auch potenzielle Aspiranten halten sich weitgehend bedeckt. Fest steht allerdings, dass Janine Wissler aus Hessen und ihre Co-Vorsitzende Susanne Hennig-Wellsow aus Thüringen schon qua Amt das erste Zugriffsrecht hätten. Die ehemalige Fraktionsvorsitzende im Erfurter Landtag hat zuletzt allerdings peinliche Schwächen gezeigt. Bei zwei Gastauftritten, der eine im Netz, der andere in einer ZDF-Talkshow, offenbarte sie erhebliche Wissenslücken über Auslandseinsätze der Bundeswehr und das eigene Partei-Konzept einer Vermögensabgabe. Für die große Bundespolitik sei sie offenbar eine Nummer zu klein, lautete danach der Vorwurf.

Überhaupt ist ein rein weibliches Spitzenduo eher unwahrscheinlich, denn es gibt einen starken männlichen Aspiranten: Fraktionschef Dietmar Bartsch, der auch als früherer Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfmanager bestens vernetzt ist, gilt vielen Genossen als „gesetzt“ für eine erneute Spitzenkandidatur. Bartsch selbst wäre bereit dazu. Sahra Wagenknecht, die einstige Co-Spitzenkandidatin, ist neben Gysi zwar immer noch das bekannteste Gesicht der Linken, hat sich mit ihrem Rückzug vom Fraktionsvorsitz aber selbst aus dem Rennen genommen. Dafür ließ ihre Amtsnachfolgerin Amira Mohamed Ali schon mehrfach Interesse an der Aufgabe erkennen. Ein Spitzenduo Bartsch – Mohamed Ali ist demnach denkbar. Eine Lösung Bartsch – Wissler hat dem Vernehmen nach für viele in der Partei aber noch mehr Charme. Wissler ist Fraktionschefin im hessischen Landtag. In beiden Fällen wäre dem Ost-West-Proporz Genüge getan (Bartsch kommt aus Mecklenburg-Vorpommern), genauso wie den Interessen des pragmatischen sowie des eher radikalen Flügels.

Mit nur sieben bis acht Prozent Zustimmung waren die Umfragen für die Partei zuletzt nicht sonderlich berauschend. Würde man sich auch noch über die Spitzenkandidatur zoffen, könnte es weiter abwärts gehen. Insofern sei eher mit einer disziplinierenden Wirkung zu rechnen, sagen Parteistrategen. Aufgewertet wird die Rolle der Linken zurzeit dadurch, dass eine Regierungsbeteiligung im Bund rechnerisch nicht mehr völlig ausgeschlossen ist. Manchen demoskopischen Befunden zufolge wäre aktuell eine grün-rot-rote Koalition möglich. Und die jüngsten Urnengänge in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben gezeigt, wie wichtig populäre Köpfe für den Wahlerfolg sind. Vor diesem Hintergrund ist es nicht unerheblich, wer für die Linke an vorderster Stelle in den Bundestagswahlkampf zieht.