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Bundestagswahl 2021: Die Grünen jubeln trotz des verfehlten Wahlziels

Platz drei für die Öko-Partei : Die Grünen jubeln trotz ihres verfehlten Wahlziels

Sie waren angetreten, um Platz eins zu erobern. Doch am Wahlabend mussten die Grünen zeitweise sogar um Platz drei bangen – ein enttäuschendes Ergebnis gemessen an ihrem ursprünglichen Anspruch. Dennoch war der Jubel in der Berliner Columbiahalle groß, als um 18 Uhr die erste Prognose die Grünen weit vor der FDP sah.

Um 18.47 Uhr ist es so weit: Annalena Baerbock und Robert Habeck, die beiden Parteichefs, kommen auf die Bühne, fast 400 Parteifreunde warten gespannt auf ihre Einordnung des Wahlergebnisses. „Das ist unser historisch bestes Ergebnis, aber wir können an diesem Abend nicht nur jubeln“, ruft Baerbock der Menge zu. Sie seien angetreten, um erstmals das Kanzleramt zu erobern. „Aber aufgrund eigener Fehler von mir hat es diesmal noch nicht gereicht.“ Ganz kurz ist es ganz still im Saal. Aber dann ruft Baerbock: „Aber wir haben einen Auftrag für die Zukunft!“ Jubel im Saal. Dann ergreift Habeck das Mikrofon. Baerbock, die erste Kanzlerkandidatin in der Geschichte der Partei, habe einen „hochemotionalen Wahlkampf voller Auf- und Umschwünge“ gemeistert. „Du bist eine Kämpferin, ein Löwenherz“, ruft Habeck. Die Menschen in der Halle skandieren „Annalena!“

Die Grünen konnten ihr Ergnise von 2017 (8,9 Prozent) zwar nahezu verdoppeln. Es ist aber dennoch enttäuschend für das Spitzenduo, das mit viel größeren Ambitionen angetreten war. Baerbock und Habeck hatten anfangs das Kanzleramt im Visier, wollten stärkste Kraft werden. Zwei Jahre arbeiteten sie Seite an Seite für eine geschlossenere Partei, die alten Flügelkämpfe zwischen Realos und Fundis wurden beigelegt.

Nach der Kür Baerbocks zur Kanzlerkandidatin im April schien die Rechnung vorerst aufzugehen: Zeitweise führten die Grünen mit bis zu 28 Prozent die Umfragen an. Dann aber häuften sich die persönlichen Fehler Baerbocks. Die 40-Jährige hatte einen Nebenverdienst nicht dem Bundestag gemeldet, ihren Lebenslauf aufgehübscht. Als Plagiatsvorwürfe gegen die Buchautorin Baerbock hinzukamen, rutschten die Grünen in den Umfragen ab.

In der nächsten Bundesregierung sind sie aber mit hoher Wahrscheinlichkeit vertreten – in welcher Konstellation ist nach dem Wahlabend aber weiter offen. Lieblingspartner der Grünen wäre die SPD. Die Union sei jetzt besser in der Opposition aufgehoben, hieß es schon vor dem Wahlabend. Ein Ampelbündnis mit SPD und FDP würden Habeck und Baerbock einer Jamaika-Koaliton mit Union und FDP klar vorziehen – vorausgesetzt, die FDP würde mitmachen. Ein zäher Kampf um die Macht zeichnet sich ab, um die Frage, wer sich als Königsmacher durchsetzt: Lindner oder Habeck. Denn bei den Grünen fällt nun Habeck eine Schlüsselrolle zu: Er ist der starke Mann, nachdem Baerbock im Wahlkampf gepatzt hatte.

Wahlsieg angepeilt, aber deutlich verfehlt, rollen nun Köpfe? „Warum sollten wir das tun? Wir müssen doch möglchst stark in die Verhandlungen gehen“, sagt Ex-Parteichef Reinhard Bütikofer auf die Frage, ob das Wahlergebnis personelle Konsequenzen nach sich ziehen werde und Annalena Baerbock sich womöglich zurückziehen werde. Nein, Baerbock werde nun zusammen mit Habeck das Sondierungsteam anführen, das mögliche Koalitionen ausloten wird, sagt auch Ex-Fraktionschef Jürgen Trittin. Alles sei offen, am Ende sogar auch wieder eine große Koalition.

Habeck ist trotz des verfehlten Wahlziels bester Dinge. Die Stimmung sei im Wahlkampf so gut gewesen wie noch nie, ruft er der Menge zu. „Wir nehmen dieses Wahlergebnis, wir stehen zusammen, wir führen gemeinsam“, betont er. Baerbock und er würden jetzt alles tun für eine „starke Klimaschutzregierung, wie sie Deutschland noch nie hatte“. Als die Menge wieder jubelt, sagt er noch scherzhaft zu Baerbock: „Du kannst jetzt stage diving machen!“ In die Menge springen und von ihr getragen werden, wie er selbst das auch schon getan hat. Aber Baerbock winkt ab, verspricht aber noch einen langen Tanzabend, hinter dessen Kulissen der Machtpoker schon beginnt.