Auf der Suche nach dem besonderen Licht

Auf der Suche nach dem besonderen Licht

Nizza. Wochenlang regnet es in Strömen. Von seinem Fenster im dritten Stock des Nobelhotels "Beau Rivage" in Nizza sieht der Künstler täglich nur das aufgepeitschte Grau des Meeres. Er will abreisen. Doch plötzlich am nächsten Morgen: Sonne, strahlend blauer Himmel. Der Maler, beeindruckt von dem Licht, beschließt zu bleiben - es sollte für den Rest seines Lebens sein

Nizza. Wochenlang regnet es in Strömen. Von seinem Fenster im dritten Stock des Nobelhotels "Beau Rivage" in Nizza sieht der Künstler täglich nur das aufgepeitschte Grau des Meeres. Er will abreisen. Doch plötzlich am nächsten Morgen: Sonne, strahlend blauer Himmel. Der Maler, beeindruckt von dem Licht, beschließt zu bleiben - es sollte für den Rest seines Lebens sein. Es ist der Nordfranzose Henri Matisse im Winter 1917/18. Schwärmerisch formuliert er später: "Als ich begriff, dass ich dieses Licht jeden Morgen wiedersehen würde, konnte ich mein Glück nicht fassen."Nicht nur ihn zog das spezielle Licht des Südens hierher. Die Leuchtkraft der Farben, die blaue Küste und die mediterrane Landschaft beflügelten ab etwa 1880 die künstlerische Avantgarde Europas, häufig an die Côte d´Azur zu kommen, oft für immer. Aus ihrer Verbundenheit mit der französischen Riviera hinterließen viele Maler Teile ihrer Werke als Schenkungen und Stiftungen, was der Côte eine grandiose Museumslandschaft bescherte.

Vor seinem letzten Domizil in Nizza wohnte Matisse gegen Kriegsende sechs Jahre lang im Hinterland, in dem gut 20 Kilometer entfernten Vence. Dieses umtriebige malerische Provence-Städtchen wird trotz vieler Touristen weiterhin geprägt von den Einheimischen mit ihren Gemüseständen, Fischläden und Bäckereien.

Nahe am Puls eines Künstlers kann man auch in Antibes sein. Die Stadt hat trotz des riesigen eleganten Yachthafens Port Fauban, der überwacht wird vom Fort Carré, ihre südländische Bodenständigkeit bewahrt. Gleich in Hafennähe ist eine Art Atelierbesuch beim Großmeister Picasso möglich. Der hielt übrigens seinen Freund Matisse, den er öfters in Vence besuchte, als einzigen Künstler seiner Zeit für ebenbürtig. Direkt über dem Meer, auf der sonnenüberfluteten Terrasse des Grimaldischlosses, steht die junge Fremdenführerin Lucy Howard, die bekennt, aus dem wintergrauen England ans Licht geflüchtet zu sein.

Sie erzählt: Nach langer kriegsbedingter Abwesenheit kam Picasso 1946 wieder an die Côte. Der Leiter des im Schloss beheimateten Museums bot ihm an, vorübergehend den zweiten Stock als Atelier zu nutzen. Mehrere Monate arbeitete Pablo fast euphorisch. Nach eigenem Bekunden war es seine "glücklichste Zeit". Über 100 Kunstwerke entstanden in drei Monaten. Ein Bild nannte er schlicht "Lebensfreude". Kein Wunder - war er doch schwer verliebt in die 40 Jahre jüngere Malerin Françoise Gilot. Leinwand und Malfarbe waren nach Kriegsende knapp, so nahm Picasso Sperrholzplatten und Bootslack von der Werft. Am Ende seines Aufenthalts schenkte er die Werke seinen Gastgebern, die damit 1966 das erste Picasso-Museum eröffneten. Die Besonderheit: Nur hier kann man seine Bilder am Ort der Entstehung mitten im ehemaligen Atelier bewundern.

Auch der Modeschöpfer Pierre Cardin ließ sich an der Côte d'Azure nieder. Er hat sein futuristisches Anwesen "Palais Bulles", bestehend aus 25 miteinander verbundenen Kugeln, hoch über der Küste des kleinen unspektakulären Seebades Théoule-sur-Mer. Vom Strand aus überblickt man die weite Bucht von La Napoule bis Cannes. Jährlich veranstaltet Cardin zusammen mit der Gemeinde im Juli und August neben seinem Palais im eigenen steil ansteigenden Amphitheater ein Festival mit Live-Shows und Konzerten. Bevor die Scheinwerfer eigeschaltet werden, gibt das Licht der Côte seine eigene Abendvorstellung: Im pastellig-weichen Abendrot gleitet der Blick über die Bühne hinaus bis nach Korsika.

Auf einen Blick

Als Côte d'Azur, zu Deutsch "azurblaue Küste" wird ein Teilstück der französischen Mittelmeerküste bezeichnet. Der Name ist eine Schöpfung des Dichters Stéphen Liégeard aus Cannes, der 1887 das Buch "La Côte d'Azur" veröffentlichte. np

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