| 20:40 Uhr

Schauspielerin Vicky Krieps
Wenn Unwissenheit eine Chance ist

Daniel Day-Lewis in der Rolle des Reynolds Woodcock im Film „Der seidene Faden“ neben Vicky Krieps als Alma.
Daniel Day-Lewis in der Rolle des Reynolds Woodcock im Film „Der seidene Faden“ neben Vicky Krieps als Alma. FOTO: Laurie Sparham / dpa
Luxemburg . Die aus Luxemburg stammende Schauspielerin über ihre Hollywood-Karriere und ihre Rolle in „Der seidene Faden“. Von Martin Schwickert

Beim Saarbrücker Max-Ophüls-Festival war sie gerade in „Gutland“, einem der 16 Wettbewerbsfilme, zu sehen. Jetzt kommt die Luxemburgerin Vicky Krieps im neuen Film von Paul Thomas Anderson („Magnolia“, „Inherent Vice – Natürliche Mängel“) in unsere Kinos. „Der seidene Faden“ handelt von einem neurotischen Modeschöpfer (gespielt von Daniel Day-Lewis) im London der 50er, der sich wider Willen in die junge Serviererin Alma (Vicky Krieps) verliebt.



In „Der seidene Faden“ spielen Sie neben Daniel Day-Lewis und unter der Regie von Paul Thomas Anderson – zwei riesengroße Kinonamen. Wie sind Sie an diese wunderbare Rolle gekommen?

KRIEPS Paul Thomas Anderson hatte mich in „Das Zimmermädchen Lynn“ gesehen und daraufhin seine Casting-Agentin gebeten, mich anzuschreiben. Ich sollte ein Video mit einer bestimmten Szene aufnehmen. Allerdings habe ich gar nicht gelesen, dass das für Paul Thomas Anderson ist, sondern in der E-Mail gleich zum Text herunter gescrollt. Ich fand den Text so interessant, dass ich die Szene gleich mit meinem Telefon aufgezeichnet und hingeschickt habe. Als nächstes bekam ich einen Anruf meiner Agentin, die mir sagte, dass der Regisseur ganz begeistert sei, und fragte, ob sie ihm meine Telefonnummer geben könne. Ich sagte nur: Ja, klar. Dann war es einen Moment still in der Leitung und meine Agentin fragte, ob ich überhaupt wisse, um wen es hier geht. Ich dachte, es sei irgendein Studentenfilm in London. Sie sagte mir, dass es ein Film von Paul Thomas Anderson ist und dann habe ich mich gefreut.

Daniel Day-Lewis ist ein bekennender Method-Actor, der sich akribisch auf seine Rolle vorbereitet. Wie sahen Ihre Vorbereitungen aus?

KRIEPS Ich wusste, dass Daniel Day-Lewis sich auf eine Art vorbereitet, die ich nicht kenne. Mir wurde gesagt: Es wird nicht geprobt. Ich treffe ihn erst am ersten Tag am Set. Mir wurde klar, dass ich mich eigentlich nicht vorbereiten kann und versuchte, daraus das Beste zu machen, indem ich auf dieses Unwissen aufbaute. Ich wollte alles vergessen, was ich über Filmemachen und über Day-Lewis weiß. Ich bin spazieren gegangen, habe Gedichte gelesen und mich  auf meine Figur Alma konzentriert.



Ist Ihnen Daniel Day-Lewis bei den Dreharbeiten wirklich nur als Reynolds Woodcock gegenüber getreten?

KRIEPS Ja, erst bei der Pressearbeit zum Film war er dann wieder Daniel Day-Lewis, und es war schön zu sehen, dass er ein sehr lustiger, leichter und entspannter Zeitgenosse ist.

Ihre Figur Alma zeichnet sich durch eine sympathische Unverfrorenheit aus, mit der sie in die Welt der Haute Couture hineintaucht. Ist das eine Eigenschaft, die Ihnen nahe liegt?

KRIEPS Es ist für mich schwer zu sagen, wie ich selbst bin. Ich mache Dinge, wie ich sie mache. Wahrscheinlich steckt in mir eine gewisse Unverfrorenheit, sonst hätte ich bei dem Film nicht einfach sagen können: Ich bereite mich nicht vor. Ich mach’ das auf meine Art. Ich hatte ja keine Ahnung, ob das funktioniert und wie es wirkt.

Der Künstler und seine Muse – das ist im Kino ja ein beliebtes und auch ein sehr klischeebeladenes Thema. Wie würden Sie den grundlegend anderen Zugang ihres Filmes beschreiben?

KRIEPS Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber ich meine das wirklich ganz bescheiden: Dieser andere Zugang hat viel damit zu tun, wie ich die Rolle spiele. Man hätte die Figur ganz anders anlegen können. Ich glaube, dass Paul Thomas Anderson zu Anfang noch nicht genau wusste, wo er mit dem Film hin wollte. Dadurch, dass er mich besetzte, hat er mitunter eine Entscheidung für eine bestimmte Richtung gewählt. Dass diese Figur so unerwartet stark ist, hat viel mit meiner Interpretation zu tun und wie ich mir ihre Vorgeschichte erarbeitet habe. Alma hat als junges Mädchen den Zweiten Weltkrieg erlebt und gelernt, damit umzugehen, dass ihre Mutter und andere Menschen um sie herum gestorben sind. Sie ist mit ihrem Vater nach London geflüchtet und hat die Erfahrung gemacht, wie es ist, in einem fremden Land ein Leben von vorne anfangen zu müssen. All das gibt der Figur die Möglichkeit, sich außerhalb der Erwartungen und Klischees zu bewegen, die man von einer solch jungen Frau hat, wenn sie auf so einen Mann trifft, der viel Geld hat und ein großer Künstler ist.

Wie gelingt es Alma, das Machtverhältnis in der Beziehung zu unterminieren?

KRIEPS Das macht sie, indem sie ganz bei sich bleibt. Sie glaubt an etwas, das in ihrem Herzen ist. Und so geht sie die Beziehung, so geht sie Reynolds Woodcock an. Sie liebt ihn für etwas, dass er selbst vielleicht noch nicht gesehen hat. An diese Liebe glaubt sie, und ihr folgt sie schlussendlich.

Warum ist der Musenbedarf bei Männern überhaupt so hoch? Von Muserichen hört man eher selten.

KRIEPS Stimmt, da wird weniger drüber gesprochen. Keine Ahnung, woran das liegt. Ich würde aber sagen, dass die Männer in meinem Leben auch meine Musen waren. Ich finde es sehr wichtig, dass man sich von Menschen inspirieren lässt, die einen berühren, und das auch mit in die eigene künstlerische Arbeit nimmt.

Was inspiriert Sie als Schauspielerin, wenn keine Muse zur Hand ist?

KRIEPS Mich inspirieren die Geschichten, die uns alle über die Zeiten verbinden. Mich berührt der Mensch, wie er die ganze Zeit versucht, es in seinem Leben richtig zu machen und es einfach nicht hinbekommt. Wie er schreckliche Fehler macht, sich Mühe gibt, sich ein Wohnzimmer einrichtet mit Lampe, Tisch und Stuhl, wie er sich das alles hinstellt und sagt: Das ist jetzt mein Wohnzimmer. Mich berührt es unglaublich, wie Menschen versuchen,  ihr Leben zu leben.

Sie bekommen, zumindest wenn man den euphorischen US-Kritiken vertraut, mit diesem Film eine enorme internationale Aufmerksamkeit. Wie fühlt sich das an?

KRIEPS Mir ist es gerade ein bisschen viel mit der Aufmerksamkeit. Ich bin das nicht gewohnt. Bisher habe ich meine Sachen ja eher so für mich gemacht. Da muss ich erst mal mit umgehen lernen.

Was planen Sie als nächstes?

KRIEPS Ich habe keinen Plan. Hatte ich nie. Jetzt habe ich gerade den TV-Mehrteiler „Das Boot“ abgedreht und demnächst werde ich für „The Girl in the Spider‘s Web“ – der Fortsetzung der Millenniums-Trilogie – vor der Kamera stehen. Was danach kommt? Keine Ahnung. Das Leben!

Gespräch: Martin Schwickert

„Der seidene Faden“ läuft ab morgen in der Camera Zwo (SB).