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Von gebrochenen Herzen, die sich mit keinem Bypass kurieren lassen

Glottertal/Saarbrücken. Spielt der Sommer mal wieder Herbst, kann man sich wenigstens vor dem Fernseher eine gute Zeit machen. In der kleinen Reihe „Zurückgespult“ schauen SZ-Redakteure nochmal auf Kult-Serien der 60er-, 70er- und 80er-Jahre, die oft prägender waren als einem heute manchmal lieb ist. In Teil drei fragt sich Oliver Schwambach, ob Prof. Brinkmann in der „Schwarzwaldkinik“ all die Herzen operieren konnte, die Sohn Udo gebrochen hatte.

Wer nach Blasmusiknoten sucht, findet erstaunlicherweise das Arrangement für "Die Schwarzwaldklinik" oft im selben Notenband mit jenem für die "Dornenvögel". Was könnte Pater Ralph wohl mit Professor Brinkmann gemein haben?



Auf jeden Fall lagen beiden die Damen zu Füßen. Genauer gesagt, saß die schmachtende Weiblichkeit beim Zu-Füße-liegen im Fernsehsessel. Frau konnte in den fortgeschrittenen 80ern; (das Jahrzehnt, nicht die Damen!), allerdings nur einen von beiden lieben. Denn der doch oft überraschend weltlich interessierte Richard Chamberlain ließ in der ARD die Busen beben; um Pater Ralph war immer sehr, sehr viel Dekolleté. Professor Brinkmann hingegen operierte im ZDF am "offenen Schweinebauch", wie der "Spiegel" damals ätzte. Angeblich lag auf dem OP-Tisch der "Schwarzwaldklinik" als Patient getarntes totes Borstenvieh, wenn Klaus-Jürgen Wussow zum Skalpell griff und nach dem Tupfer rief. Schwester Christa alias Gaby Dohm ahnte schon in frühen Folgen das Chefarztgattinnenperlenkettchen am Hals und ging ihm flugs zur Hand. Und er hielt bald darauf um ihre an.

Eigentlich war es ja - zumindest für noch nicht Scheintote, also alles unter 20 wie wir damals dachten - seinerzeit unmöglich, "Die Schwarzwaldklinik" überhaupt einzuschalten. Gemacht hat man's trotzdem. Natürlich nur, weil man auf der Fernbedienung abgerutscht war. Dabei war schon Hans Hammerschmids Titelmelodie, der hatte immerhin mal für die Knef komponiert, tönender Süßstoff. Und Wolfgang Rademann, der fürs ZDF auch den unsinkbaren Sehnsuchtsverkäufer "Traumschiff" vom Stapel ließ, tat obendrein alles, um den Arztroman auf der Mattscheibe zu reanimieren. Co-finanziert offenbar vom Tourismusverband Schwarzwald und VW und Audi, die ihre Autos permament ins Bild chauffieren ließen.

Bei oberflächlicher Diagnose war Rademanns Rezeptur tatsächlich schlicht: Der chronische Schwerenöter Dr. Udo Brinkmann - eine Rolle, die später an Sascha Hehn klebte wie der Schaumfestiger in seiner Föhnfrisur - brach die Herzen, während sein Vater, Prof. Brinkmann, derweil eifrig Bypässe legte. Und Klaus Jürgen Wussow, der mit balsamischem Bariton wirklich jeden Patienten zu besänftigen wusste, ließ auch Kassenpatienten glauben, dass Ärzte nie ans Geld, sondern immer nur ans Heilen denken. Wussow verschmolz derart mit der Rolle, dass tatsächlich Hunderte Kranke ihn postalisch konsultieren wollten.

Irritierend waren allenfalls die merkwürdigen Überschneidungen von TV-Dichtung und Schauspielerwahrheit. Neben Klaus Jürgen spielten auch Wussow-Tochter Barbara und Wussow-Sohn Alexander mit. Und das reale Wussow-Kind ehelichte als Schwester Elke den Fernsehsohn von Prof. Brinkmann. Inzestuöse Verhältnisse.



Dass die "Schwarzwaldklinik" aber so ein Quotenhit war, lag wohl auch daran, dass Rademann mit dem Weißkittel-Melodram noch einmal die heile Welt der kleinen Bonner Republik feierte, bevor nach der Wende alles ziemlich unübersichtlich wurde. Zudem schob der Großproduzent seinem Glottertal-Lichtspiel mit sicherem Zeitgeistgespür doch so viel packende Realität unter, dass man von 1984 bis 1988 vor dem Bildschirm gebannt war.

Jochen Schroeder war etwa als Mischa einer der ersten "Zivis" im Fernsehen überhaupt. Noch dazu mit sympathischem Auftritt. Galten vielen Deutschen Zivildienstleistende bis dahin als langhaarige Drückeberger, wandte auch Mischas Fernsehdienst die Chose zum Guten. Tat man dann selbst kund, man wolle "Zivi werden", hieß es plötzlich: "Ah, wie der Mischa im Fernsehen." Schon deshalb hat die "Schwarwaldklinik" ihre Verdienste. Auch wenn ich immer noch mit Grausen an die blauen Flecken am Schienbein denke, beim Versuch wie Sascha Hehn ins Golf Cabrio zu hüpfen.

Die Komplettbox der "Schwarzwaldklinik" auf DVD kostet rund 49 Euro.