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Olivier Guez’ Tatsachenroman „Das Verschwinden des Josef Mengele“
Die Demaskierung des „Todesengels“

Mit der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit hat der 1974 in Straßburg geborene, heute in Paris lebende Olivier Guez Erfahrung. Er war am Drehbuch zu Lars Kraumes preisgekröntem Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ beteiligt.
Mit der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit hat der 1974 in Straßburg geborene, heute in Paris lebende Olivier Guez Erfahrung. Er war am Drehbuch zu Lars Kraumes preisgekröntem Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ beteiligt. FOTO: JF Paga-Grasset
Saarbrücken. Olivier Guez’ literarische Dokufiktion „Das Verschwinden des Josef Mengele“ – kommende Woche stellt er sie in Blieskastel vor. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Ungeachtet aller Proteste von Auschwitz-Opfern wurden 2011 in den USA die Tagebücher von Josef Mengele für umgerechnet 170 000 Euro an einen ano­nymen Privatbieter versteigert. 3400 handgeschriebene Seiten, auf denen der „Todesengel von Auschwitz“ von 1960 bis zu seinem Tod 1979 sein Doppelleben in Argentinien, Paraguay und Brasilien detailliert festhielt. Wer den obszön anmutenden Verkaufserlös einstrich, ist bis heute ebenso unbekannt wie der Käufer.


1949 war Mengele, der als Lagerarzt in Auschwitz, Opernarien pfeifend, Zehntausende in die Gaskammern geschickt und bestialische Experimente an Kindern, Schwangeren, Kleinwüchsigen und Zwillingen verübt hatte, aus dem bayerischen Günzburg über Italien nach Argentinien geflohen. 30 Jahre lang lebte er unerkannt in Südamerika bis zu seinem Ertrinken im Meer. In einer Art Dokufiktion versucht der französische Autor Olivier Guez nun Mengeles Exiljahrzehnte nachzuzeichnen. Guez, der sämtliche verfügbare Literatur über Mengele ausgewertet, dessen Fluchtorte selbst aufgesucht und daraus ein biografisches Gerüst nachgebaut hat, lässt seine Quellen in ein fiktional ausgeschmücktes Psychogramm des seinerzeit meistgesuchten NS-Verbrechers münden. Kann das gut gehen?

In seinem Nachwort schreibt Guez, „nur mit der Form des Romans“ habe er „dem makabren Leben des Nazi-Arztes möglichst nahekommen“ können. Eine Mengele-Biografie, so muss man dies wohl deuten, hätte zu viel Sprödigkeit, zu viel Distanz erfordert. Und zu wenig erzählerische Freiheit belassen. Guez aber zielte auf eine unmittelbarer wirkende Demaskierung Mengeles. Ein riskantes Unternehmen, weil Guez sich gewissermaßen zum Gedankenleser Mengeles macht. Ihm gelingt fraglos eine fesselnde Persönlichkeitsstudie. Allerdings bleibt unklar, inwieweit die Mengele zugeschriebenen Eigenschaften und Verhaltensweisen tatsächlich verbürgt sind. Sind die zitierten Briefauszüge oder Äußerungen Mengeles authentisch? Man hätte sich gewünscht, dass Guez da im Nachwort konkreter geworden wäre. Dort erwähnt er, dass die amerikanischen Mengele-Biografen Gerald Posner und John Ware in den 80ern die Tagebücher des Flüchtigen einsehen konnten. Gut möglich also, dass die Mengele zugeschriebenen Zitate in „Das Verschwinden des Josef Mengele“ als Quellen bei Posner/Ware tatsächlich dokumentiert sind.



Diese genretypische Unschärfe sogenannter Tatsachenromane ist indes der einzige Malus von Guez’ famoser Recherchearbeit und deren anschließender Literarisierung. Fast noch erschütternder als die „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt), die Mengele offenbart, ist das in den Jahren nach 1945 ff. funktionierende internationale Vertuschungsnetzwerk, das es Nazi-Schergen wie Mengele ermöglichte, jahrzehntelang unbehelligt zu bleiben. Guez zeichnet nicht nur nach, wie der argentinische Diktator Juan Perón (nicht anders als Alfredo Stroessner in Paraguay) sein Land zur Heimstätte von Abertausenden von Nazis, Faschisten und Kollaborateuren machte und deren Knowhow nutzte, um sein Land technisch aufzurüsten. Er erinnert auch daran, dass in zahllosen Fällen weder die deutsche Bundesregierung noch die USA ein wirkliches Aufdeckungsinteresse hatten. Meist simulierte man es nur und brachte altgediente Nazis wieder in Amt und Würden. Geschäft ging vor Gewissen. Eine Perfidie, die Guez im Buch aus guten Gründen leidlich ausschlachtet.

Während dessen erster Teil – „Der Pascha“ betitelt – Mengeles Aufstieg zu einem mit den Jahren in Saus und Braus und illustrer Nazi-Geselligkeit lebenden Rassenreinheitsfanatiker beschreibt, der in Südamerika auch die Günzburger Landmaschinen des elterlichen Familienunternehmens vertreibt, schildert der zweite Teil („Die Ratte“) den schleichenden Niedergang Mengeles, begleitet von zunehmender Paranoia, weinerlichem Selbstmitleid und körperlichem Verfall. Guez beschreibt diese Etappen in einem schneidenden Ton, in den sich hin und wieder das Aroma zynischer Kommentierung mischt. Meist aber lässt er die Szenen für sich sprechen. Etwa als Mengele Eichmann begegnet und es lapidar heißt: „Mengele ist ein Vollstrecker niederer Aufgaben, eine Mücke in den Augen Eichmanns.“ In ihrem manischen Geltungsdrang versuchten beide, noch im Exil einander zu überbieten. Während Eichmann sich derart unverblümt mit Vernichtungswillen brüstet, dass es selbst den Salon-Nazis zu viel wird, kehrt Mengele in Gesellschaft all sein Bildungsgut und eine vollendete Höflichkeit hervor. Hinter dieser mit den Jahren bröckelnden Fassade aber kauert eine armselige Spießerexistenz, knüpft Guez als roten Faden. Als er noch oben auf schwimmt, pflegt er, „der Fürst der europäischen Finsternis“ in Südamerika die Agrarutopie der SS und lässt seine Despotie aufblitzen. Als die Schlinge sich in seinen Verstecken immer mehr zuzieht, bleibt ihm nurmehr Wehleidigkeit. Zuletzt entziehen sich ihm auch die Frauen.

So minutiös, wie Guez dies ausstellt, wird daraus ein glänzendes Stück Aufklärungsarbeit, das die menschliche Abgründigkeit schonungslos offenbart. „Kein Nazi auf der Flucht hat eine solche Unterstützung genossen!“, heißt es einmal. Ein Satz, der fassungslos macht.

Olivier Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele. Aufbau, 224 S, 20 €
Am 26. September stellt Olivier Guez seinen Roman auf Einladung der Blieskasteler Gollenstein Buchhandlung vor (Käthe-Luther-Haus der Protestantischen Pfarrei, Kirchstr. 30b). Tilla Fuchs (SR2) moderiert das Gespräch mit Guez. Die Textpassagen liest der Schauspieler Gunter Cremer (Eintritt 10 €).
Karten im Vorverkauf bei der Gollenstein Buchhandlung, Telefon (06842) 53 95 35 oder per Mail: info@gollenstein-buchhandlung.de

Josef Mengele (1911-1979), der als Lagerarzt von Auschwitz Zehntausende in den Tod schickte.
Josef Mengele (1911-1979), der als Lagerarzt von Auschwitz Zehntausende in den Tod schickte. FOTO: dpa / -