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Chaos um Bond-Film 25
James Bond in der Sinnkrise?

Zum Wohl: Lea Seydoux und Daniel Craig im jüngsten, durchwachsenen Bond-Film „Spectre“ von 2015.
Zum Wohl: Lea Seydoux und Daniel Craig im jüngsten, durchwachsenen Bond-Film „Spectre“ von 2015. FOTO: dpa / Mario Guzman
Saarbrücken. Überraschung: Regisseur Danny Boyle will den 25. Bond-Film nicht mehr inszenieren – wegen „kreativer Differenzen“, wie die Produzenten und Star Daniel Craig knapp mitteilen. Es knirscht schon länger in der James-Bond-Maschinerie. Wohin geht es mit 007? Von Tobias Kessler
Tobias Kessler

Schurken mit Stahlgebiss oder giftig-spitzem Schuhwerk? Tankschiffe, die U-Boote schlucken? Größenwahnsinnige im Mao-Zedong-Gedächtnisanzug, die von der Weltherrschaft träumen? Damit wurde James Bond schon immer fertig, seit er ab 1962 im Kino vor allem die westliche Welt rettete und den angeschlagenen Stolz der Ex-Großmacht Großbritannien. Die Bond-Kinomaschine schnurrte meistens gut geölt vor sich hin, kam durch Darstellerwechsel selten ins Ruckeln, reagierte immer mit cleverem Opportunismus auf den jeweiligen Zeitgeist (von 1960er-Hedonismus bis Aids-Angst der 1980er), auf filmische Trends, auf politische Entwicklungen – etwa das (vorübergehende) Ende des Kalten Krieges.


Was Bond stärker zusetzte, spielte sich hinter den Kulissen ab: Jahrelange Streitigkeiten um das Recht an Drehbuchideen etwa und an der Figur Bond selbst, die zum Kurio­sum führten, dass Ur-Bond Sean Connery, der sich eigentlich 1971 von der Rolle verabschiedet hatte, 1983 einen inoffiziellen Konkurrenzfilm auf den Weg bringen konnte („Sag niemals nie“) – während der damals amtierende 007, Roger Moore, für die angestammte Produktionsfirma EON seinen Bond „Octopussy“ drehte. Die Reihe und die Firma haben das aber ebenso überstanden wie den Generationswechsel in der Führung: Ur-Produzent Albert R. Broccoli gab in den 1990ern das Zepter an Tochter Barbara Broccoli und deren Bruder Michael G. Wilson ab; die haben durchaus den Mut zu (im Rahmen eines Millionen-Unternehmens) radikalen Entscheidungen: Nach dem kommerziell enorm erfolgreichen, aber ziemlich albernen „Stirb an einem anderen Tag“ von 2002 (unsichtbares Auto inklusive) erfanden sie die Reihe neu, schassten Pierce Brosnan, Bond wurde grimmiger, gespielt von Daniel Craig, dem erst einmal eine Welle des Spotts entgegengebrandet war (zu blond, zu klein, abstehende Ohren), bis dann „Casino Royale“ 2006 ins Kino kam – einer der besten Filme der gesamten Reihe. Eine aufregende Zeit für Bond-Anhänger war das. Die ist jetzt aber auch schon zwölf Jahre her.

Nach dem jüngsten Bond „Spectre“ von 2015 schien ein wenig die Luft raus. Der Film hatte sich selbst mit viel Pseudo-Psychologie übernommen und wirkte manchmal etwas lustlos, so wie sein Darsteller bei den pflichtschuldigen Werbeauftritten zur Premiere. Immer wieder gerne zitiert wird der schöne Satz Craigs in einer Talkshow, er wolle sich lieber die Pulsadern aufschneiden, als einen weiteren Bond zu drehen. Zum Messer griff Craig danach nicht, verkündete, dass er dann doch noch Bond 25 drehen würde, und nach einigem Hin, Her und Spekulieren wurde auch ein Regisseur gefunden: Danny Boyle – durchaus ein Coup. Der originelle Filmemacher („Trainspotting“) ist kein Mann des Mainstreams, wenn auch Oscar-Preisträger (2008 für „Slumdog Millionaire“). Und Erfahrung mit Bond und Darsteller Craig hat er auch schon: 2012 inszenierte er den witzigen Bond-Prolog bei der Eröffnung der Olympiade in London.



Kollektives Aufatmen also vor ein paar Monaten, als Boyles Engagement für Bondfilm Nummer 25 verkündet wurde, Craigs Abschiedsvorstellung. Kollektive Überraschung nun gestern, als die Produzenten Broccoli und Wilson gemeinsam mit Craig per Twitter karg mitteilten, Boyle habe sich wegen „kreativer Differenzen“ entschieden, den Film doch nicht zu inszenieren. Ein Novum bei Bond, ein Donnerschlag mitten in der Casting-Phase und wenige Monate vor den Dreharbeiten, die im Dezember in London beginnen sollten. Über die „kreativen Differenzen“ kann man nur spekulieren. Ein frühes Boyle-Zitat, er wolle Bond „in die Welt von heute“ transportieren, interpretieren nun manche beinharte Bond-Fans im Internet als (Kampf-)Ansage, 007 in der #Metoo-Ära vom sexistischen Dinosaurier zum mitfühlenden und monogamen Mustermann zu machen.

Möglicherweise waren Boyle und sein „Trainspotting“-Drehbuchautor John Hodge dem Produzentenpaar dann doch zu eigenwillig; das verpflichtete in den vergangenen Jahren zwar gerne Regisseure, die man nicht dem Actiongenre zurechnen würde (Marc Forster und Sam Mendes). Gleichzeitig müssen Broccoli und Wilson darauf achten, das Bond-Publikum grundsätzlich mit dem zu bedienen, was es kennt und schätzt. Action, Autos, Martinis, Frauen. Experimente sind riskant, vor allem bei Budgets in dreistelliger Millionenhöhe.

Wie geht es weiter? Finden die Produzenten keinen Ersatz, müssen die Dreharbeiten verschoben werden – derweil machen die üblichen Regie-Namen gerüchteweise die Runde, von Christopher Nolan bis Yann Demange, Denis Villeneuve bis hin zu Susanne Bier. Der „Guardian“ spekuliert über Craigs möglichen Abgang. Und auch die Sommerloch-Geschichte von Idris Elba als erstem schwarzen Bond-Darsteller für 007 Nummer 26 dreht seine Runden. 

Mindestens so wichtig wie die Regie ist aber die Frage, ob Drehbuchautor Hodge dem Film  trotz Boyles Abgang erhalten bleibt – oder ob die Vorgänger Neal Purvis und Robert Wade wieder engagiert werden, die zuletzt Bond zu einem Leidensmann mit allerlei Krisen und familiären Malaisen machten. Nötigen frischen Wind verspräche das nicht.

Die Figur Bond mag schon andere Krisen überstanden haben – eine derartig zähe Quälerei im Produktionsprozess ist aber selten. Man kann auch darüber spekulieren, ob Broccoli (58) und Wilson (76) die ganz große Lust an Bond verloren haben; jünger werden sie auch nicht. Wer weiß, ob sie nicht irgendwann die Bond-Marke an ein großes Studio verkaufen (wie es George Lucas mit seinem „Star Wars“-Universum tat) und das dann weitermachen lässt – es wäre das Ende einer Ära.