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Henning Mankells Romandebüt
Arbeiter, ein Leben lang

Saarbrücken. Überfällig: Henning Mankells erster Roman „Der Sprengmeister“ erscheint auf Deutsch. Von Welf Grombacher

Als Henning Mankell (1948-2015) sein erstes Theaterstück inszenierte, war er noch so jung, dass er nicht mal den Wein für die Premierenfeier im Supermarkt kaufen durfte. Mit 16 schmiss er die Schule und ging nach Paris, um die Welt zu erobern. 1972 hatte er mit ersten Regiearbeiten so viel Geld zusammen, um sich in Oslo einen Monat zurückziehen und seinen ersten Roman zu schreiben. Ganze 45 Jahre hat es gedauert bis „Der Sprengmeister“ jetzt endlich auch in einer deutschen Übersetzung erscheint. Das Buch, mit dem der damals 25-Jährige die „Gesellschaft demaskieren“ wollte, ist heute noch so aktuell wie damals.


Oskar Johannson ist Sprengmeister und gerade mal 23, als er beim Tunnelbau durch eine verspätete Detonation einen Arm und ein Auge verliert. Er ist Invalide, aber er lebt und bleibt Sprenger, bis er in Rente geht und 1969 stirbt. In seinen letzten Lebensjahren verbringt Oskar die Sommermonate allein auf einer Schäreninsel, wo er in einer ehemaligen Militärsauna haust. Dort besucht ihn von Zeit zu Zeit der seltsam unbestimmte Erzähler. Zeitebenen wechseln, Vergangenheit und Gegenwart fließen ineinander. Einzelne Bilder fügen sich zu einem Leben. „Die Erzählung ist der Versuch einer Rekonstruktion dessen, was Oskar eigentlich nie gesagt hat“, schreibt Mankell. „Ein Versuch, die Ursachen für seine Veränderung zu beschreiben.“

Sein Leben lang ist Johannson Arbeiter. Wie schon der Vater und dessen Großvater. Aber wer dankt es ihm? Seine Verlobte Elly besucht ihn nach dem Unfall im Krankenhaus. „Erst jeden Tag. Dann jeden dritten. Dann einmal in der Woche. Dann ein letztes Mal.“ Dabei eröffnet sie ihm, dass sie einen anderen Mann kennengelernt hat und wegziehen wird. Bei einer Demonstration lernt Oskar Elvira kennen. Beide werden ein Paar, heiraten. Erst später erfährt er, dass sie die Schwester Ellys ist. Viele Jahre träumen sie von einer Revolution der Arbeiter. Es bleibt beim Träumen. Nichts tut sich. Das Geld für ein Gebiss kann Oskar nicht aufbringen. Seine Wohnung in der Stadt muss er verlassen, weil Hochhäuser dort gebaut werden. Keiner fragt nach seinen Belangen. Darum tritt er aus der sozialdemokratischen Partei aus. „Arbeiter ist man immer geblieben. Es hat sich schon viel verändert, nur nicht für uns.“



Jede Menge Gesellschaftskritik steckt in Henning Mankells bemerkenswertem Romandebüt. Der Mann, der durch seine Wallander-Krimis groß raus kam, war tief im Inneren immer ein Utopist und sympathisierte mit dem Kommunismus. Im selben Jahr, in dem er den Roman schrieb, ging er zum ersten Mal nach Afrika. Später kämpfte er gegen die Apartheid. Bis zu seinem Tod ließ er von jedem seiner verkauften Bücher 50 Cent verschiedenen Bildungsprojekten in Afrika zukommen. Das Leben der Armen und Ärmsten lag ihm immer am Herzen. Mögen diese Menschen in der Gesellschaft auch austauschbar sein und anonym bleiben – in „Der Sprengmeister“ gab Mankell ihnen einen Namen. Die einfachen Arbeiter werden in seinem Buch zu Helden des Alltags.

Es ist lange überfällig, dass dieses wichtige Frühwerk des Schweden auch bei uns entdeckt wird. Mit dem Text schließt sich ein Kreis. Hat sich doch auch der ehemalige Chirurg Fredrik Welin, Protagonist in Mankells allerletztem Roman „Die schwedischen Gummistiefel“ (2015), im Alter auf eine einsame Insel im Schärengarten zurückgezogen. Mehr als 40 Jahre liegen zwischen beiden Büchern. Jahre, in denen sich der Stil des Schriftstellers verändert hat, seine Sprache schlichter wurde, weniger auf Eindruck aus war. Dabei ist seine Intention, die Welt zu verändern, die gleiche geblieben. Sie mag später nicht mehr so hoffnungsfroh gewesen sein wie in den Jugendjahren. Aber Henning Mankell hat sie sich bis ins Alter erhalten – ein Leben lang.

Henning Mankell: Der Sprengmeister. Zsolnay. 192 Seiten, 21 €.