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Glasklar und geschliffen

Saarbrücken. Mit ihren Programmheften lassen die Musikfestspiele ihre Kunden mitunter allein. Wer kennt schon Leopold Godowsky oder das Klavierwerk von Charles Ives? Informationen dazu, wie international üblich, wären besser als fragwürdig platte Etikettierungen eines Künstlers wie Marc-André Hamelin als "Klavier-Superstar" oder "weltweit bester Techniker"

Saarbrücken. Mit ihren Programmheften lassen die Musikfestspiele ihre Kunden mitunter allein. Wer kennt schon Leopold Godowsky oder das Klavierwerk von Charles Ives? Informationen dazu, wie international üblich, wären besser als fragwürdig platte Etikettierungen eines Künstlers wie Marc-André Hamelin als "Klavier-Superstar" oder "weltweit bester Techniker".Hamelin überzeugte am Mittwoch in der Musikhochschule schlicht und einfach durch sein Spiel. Glasklar und geschliffen mit einer Haydn-Sonate (h-moll), mit kühler Distanz und markigen Bässen ganz 21. Jahrhundert.



53 Studien über Chopin-Etüden hat der Klavier-Virtuose Godowsky geschrieben. Der große Horowitz hat sie (für sich?) als unspielbar erklärt. Durch sieben offensichtlich spielbare arbeitete sich Hamelin mit stupender Technik: Chopin-Spuren, in Lisztscher Manier mächtig aufgeplustert, garniert mit viel Pedal. Schwierig zu spielen, gewiss, aber nicht spektakulär.

Solches kam aus Amerika: Die ausgedehnte Sonate Nr. 2 "Concord. Mass. 1840-1860" von Ives. Impressionistisch-programmatische Reflexionen über vier amerikanische Philosophen, die Transzendentalismus in Concord/Massachusetts lehrten und lebten. Monumental die Form, massiv die Behandlung des Instrumentes, außerordentlich die Anforderungen an Technik, Gedächtnis des Spielers und die Hörbereitschaft des Publikums. Hamelin absolvierte unangestrengt, mit weicher Hand diesen Kräfte zehrenden Marathon und zeigte nun auch eine weit gespannte, subtile Ausdrucks-Palette. Für den Applaus gab es drei humorvoll servierte Zugaben. Weiterer Beweis für die Position Hamelins im Reigen der weltweit besten Pianisten. Eine Begegnung, die den Musikfestspielen zu danken ist. fa