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Rekordflug
Windsurfen am Rand der Atmosphäre

Das Segelflugzeug Perlan 2 nutzt Höhenwinde, die sich durch extrem starke Windströmungen im Süden Argentiniens bilden, um bis in die Stratosphäre aufzusteigen. Der Segler kann dabei deutlich über 20 Kilometer Höhe erreichen.
Das Segelflugzeug Perlan 2 nutzt Höhenwinde, die sich durch extrem starke Windströmungen im Süden Argentiniens bilden, um bis in die Stratosphäre aufzusteigen. Der Segler kann dabei deutlich über 20 Kilometer Höhe erreichen.
Saarbrücken. Das Segelflugzeug Perlan 2 stellt einen neuen Weltrekord auf. Es erreicht über den chilenischen Anden 20 Kilometer Höhe.

Dieses Segelflugzeug kann in Höhen vordringen, die für Düsenjets, die heute im Linienbetrieb eingesetzt werden, für immer unerreichbar bleiben. Mit der Perlan 2 erreichten zwei Piloten vor wenigen Wochen genau 19,9 Kilometer Höhe. Das ist eine außergewöhnliche Leistung, aber es bleibt immer noch viel Luft nach oben. Schon im kommenden Jahr soll der Wind den Perlan-Segler bis in 30 Kilometer Höhe tragen.


Perlan ist kein gewöhnliches Segelflugzeug, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht: Es hat einen aerodynamischen, rund zehn Meter langen Rumpf und zwei schmale Tragflächen von 25,6 Meter Spannweite. Mit einem Gewicht von nur 680 Kilogramm ist es halb so schwer wie ein handelsübliches Auto der Kompaktklasse, denn es besteht aus extrem belastbaren Kohlefaserverbundwerkstoffen. Größter Unterschied zu normalen Segelflugzeugen ist die zweisitzige Pilotenkanzel. Bei Perlan 2 ist sie als Druckkabine ausgeführt, ähnlich der von Passagierflugzeugen. Das ist notwendig, denn in 20 Kilometer Höhe würde sonst das Blut der Piloten zu kochen beginnen.

Hinter dem Perlan-Projekt steht eine Nonprofit-Organisation zur Luftfahrt- und Atmosphärenforschung. Sie geht auf den ehemaligen Nasa-Testpiloten Einar Enevoldson und den US-Multimillionär Steve Fossett zurück. Vor zwölf Jahren erreichten sie mit dem Segelflugzeug Perlan 1 fast 15,5 Kilometer Höhe. Höher ging nicht, weil die Maschine noch keine Druckkabine hatte. Mit dem Nachfolger konnte Fossett, der 2008 mit einem Flugzeug in der Sierra Nevada tödlich verunglückte, nicht mehr fliegen. Später sprang der Airbus-Konzern als neuer Hauptsponsor ein.



Dass Menschen mit einem Segelflugzeug die Stratosphäre erreichen können, galt lange Zeit als unmöglich. Dann entdeckte eine Forschergruppe um den Meteorologen Wolfang Renger vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen ein bislang unbekanntes atmosphärisches Phänomen, die sogenannten stratosphärischen Bergwellen (Infokasten). Die besten Chancen, auf sie zu treffen, bestehen in den Anden Patagoniens im Süden Argentiniens und an den neuseeländischen Südalpen. Ein Flugzeug, das auf einer solchen Welle reitet, kann nach Computersimulationen Höhen von bis zu etwa 30 Kilometern erreichen.

Im August und September starteten die US-Piloten Jim Payne und Tim Gardner mit Perlan 2 mehrmals vom Armando-Tola-Flugplatz der argentinischen Kleinstadt El Calafate. Zunächst schleppte ein Motorflugzeug den Perlan-Gleiter in 3000 Meter Höhe. Nach dem Ausklinken suchten die Segelflieger dann mit Hilfe einer speziellen Laserradar-Technik nach den Aufwinden, die sie in die Stratosphäre tragen sollten. Die Internationale Aeronautische Vereinigung FAI bestätigte schließlich die neue Rekordhöhe von 19,9 Kilometer. Noch nicht bestätigt ist ein späterer Aufstieg in 23,2 Kilometer Höhe.

Für die Piloten ist es allerdings nicht so wichtig, mit ihrem Flug in das Guinness-Buch der Rekorde zu kommen. Sie wollen Daten für die Klimaforschung und für den Bau künftiger Höhenflugzeuge sammeln. An diesem Projekt sind verschiedene Universitäten und Institute in den Vereinigten Staaten und Argentinien beteiligt.

Auch die Raumfahrtagentur Nasa erhofft sich von den Höhenforschungen des Segelflugzeugs meteorologische Daten. Im Südwinter des kommenden Jahres, im August 2019, soll das Flugzeug seine Gipfelhöhe von 90 000 Fuß erreichen, das entspricht etwa 27,4 Kilometern. Der bisherige Höhenrekord im Horizontalflug liegt übrigens seit über zwei Jahrzehnten bei knapp 26 Kilometern. Aufgestellt wurde er vom US-Spionageflugzeug Lockheed SR-71 Blackbird.

Perlan 2 hat eine Spannweite von über 25 Metern und wiegt knapp 700 Kilogramm.
Perlan 2 hat eine Spannweite von über 25 Metern und wiegt knapp 700 Kilogramm.