| 19:09 Uhr

Wettlauf zum Gipfel

Mit einem Seil gesichert bahnt sich die Bergsteiger-Gruppe ihren Weg auf das Dachsteinmassiv. Foto: Konrad
Mit einem Seil gesichert bahnt sich die Bergsteiger-Gruppe ihren Weg auf das Dachsteinmassiv. Foto: Konrad FOTO: Konrad
Ramsau. Einmal einen Berg besteigen, am Gipfelkreuz lehnen und in die Ferne schauen. Das war lange Zeit Profis vorbehalten. Klettersteige ermöglichen diese Erfahrung nun auch Anfängern. Etwa auf dem Hohen Dachstein in Österreich. Sarah Konrad

In 3000 Metern Höhe stellt die Natur die Spielregeln auf. Sie ist der härteste Gegner eines jeden Bergsteigers. Auch an diesem Morgen. Eine Gruppe von acht Kletterern steht hoch oben auf dem Dachstein. Der Schnee knirscht unter ihren Füßen. Es ist warm. Die Sonnenstrahlen verwandeln den Gletscher in ein Glitzermeer. Doch der paradiesische Schein trügt. Die Gefahr rückt immer näher. Unaufhaltsam rückt eine Nebelwand heran. "Wenn wir den Gipfel noch bei guter Sicht erreichen wollen, müssen wir uns jetzt beeilen", sagt Bergführer Walter Walcher. Also los. Der Wettlauf kann beginnen.



Es ist der zweite Tag eines Klettersteigkurses. Nach einer Einführung am ersten Tag sollen die Teilnehmer nun ihren ersten Berg bezwingen. Knapp 2800 Höhenmeter haben sie schon geschafft. Zunächst mit der Gondel, dann zu Fuß. Jetzt trennen die Gruppe noch gut 200 Höhenmeter vom Gipfel. Eine steile, teilweise vereiste Felswand ragt vor ihr empor. Rund zwei Stunden soll der Aufstieg dauern. "So viel Zeit haben wir nicht", sind sich Walter und sein Kollege Hans Knaus sicher. Die beiden kennen das Massiv in der Steiermark wie kaum ein anderer. Über 500-mal haben sie den Hohen Dachstein schon bestiegen. Meist mit Touristen.

Diese können seit drei Jahren im österreichischen Ramsau einen Klettersteigschein erwerben. Der Kurs dauert zweieinhalb Stunden. Bergführer zeigen ihren Schülern dabei, wie sie den Gurt anlegen und das Klettersteigset befestigen. Sie erklären, wie man die Karabinerhaken richtig ins Stahlseil einklinkt und begleiten ihre Schützlinge auf einem Anfänger-Klettersteig. Zum Abschluss gibt es noch eine Sicherheitsschulung.

Unfälle am Berg

"Viele Anfänger überschätzen ihre Kraft und Kondition", berichtet Walter. Daher komme es immer wieder zu Unfällen. Er selbst arbeitet als Bergretter und hat schon manch einen verunglückten Kletterer aus der Wand befreit. Zwischen 3000 und 5000 Euro kostet solch eine Bergung, die völlig anders abläuft, als es die ZDF-Serie "Die Bergretter" vorgibt. Diese wird in der Region Schladming Dachstein gedreht. Und die Bergführer Walter und Hans stehen der Filmcrew bei den Dreharbeiten zur Seite. Sie helfen beim Sichern und doubeln die Schauspieler bei schwierigen Kletterszenen. "Die Serie ist eine super Werbung für die Region", sagt Hans. Er wertet die spektakulären Rettungsaktionen allerdings als "übertrieben".



Die acht Kursteilnehmer haben derweil erlebt, wie schnell sich die Witterung ändern kann. Das Wetter ist umgeschlagen. Wolken verdecken die Sonne immer häufiger. Die Hände schmerzen vom Festhalten an den kalten Stahlseilen. Höchste Konzentration ist angesagt. Vor allem auf den schneebedeckten Passagen. Doch Pause machen, ist nicht drin. Walter und Hans kennen keine Gnade. Auf Aussagen wie "Das schaffe ich nicht" oder "Hier komme ich nicht hoch" antworten sie meist nur mit einem kurzen "Das passt scho." Für Gejammer ist am Fels eben kein Platz.

Das hat auch Friedrich Simony schnell begriffen. Der Wissenschaftler erforschte den Dachstein schon 1842 und hatte immer wieder mit dem beschwerlichen Aufstieg zu kämpfen. Statt sich zu beklagen, tüftelte er jedoch an einer Lösung. Er schlug Trittstufen in den Fels und spannte ein langes Seil an den Berg. So entstand der älteste Klettersteig Österreichs. Im ersten Weltkrieg legten Gebirgsjäger weitere solcher Routen an. In den 90er Jahren entdeckten Bergfreunde die Klettersteige für sich. Walter erklärt, warum dieser Sport so viele Menschen fasziniert: "Es gibt Touren in verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Da ist für jeden was dabei. Am Ende wartet immer ein Erfolgserlebnis. Das Erreichen der Gipfel."

Und von dem trennen die Gruppe jetzt nur noch wenige Stufen. Noch einmal den Karabiner einhaken. Noch einmal über eine Kante kraxeln. Geschafft. Die Klettersteig-Novizen sichern sich am Stahlgerüst des Gipfelkreuzes. Nun können sie den Blick über die Alpen, Seen und Täler genießen.

Zum Thema:

Hintergrund In der österreichischen Region Schladming-Dachstein gibt es 21 Klettersteige in verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Die Skala reicht - vom Anfänger bis zum Profi. Wer keine Erfahrungen im Klettern hat, kann einen Klettersteigkurs belegen. Dieser kostet 35 Euro für Erwachsene und 13 Euro für Kinder. sara ramsau.com