Elektroautos: Jetzt soll es zügig „stromaufwärts“ gehen

Automobil : Jetzt soll es zügig „stromaufwärts“ gehen

Das neue Jahr bringt zahlreiche neue Elektromodelle, erstmals auch in kleinen und preiswerten Klassen. Bei den Verkaufszahlen wird ein steiler Anstieg erwartet.

Alle reden vom Elektroauto, vor allem Politiker. Käufer zögern, besonders in letzter Zeit. Nächstes Jahr gibt es jedoch 6000 Euro Prämie, aktuell sind es nur 4000 Euro. Dazu kommen neue Vorteile für privat genutzte Geschäftswagen. Auch kursiert das Gerücht, Hersteller würden ihre Elektromodelle auf Halde stellen, anstatt sie auszuliefern. Auch dies hätte einen guten Grund: Im neuen Jahr gilt in der EU für Neuzulassungen ein Grenzwert beim CO2-Ausstoß von 95 Gramm pro Kilometer. Allerdings müssen die Hersteller diesen Wert im Durchschnitt erreichen. Daher können abgasfreie Elektroautos mit schweren SUVs mit dicken Achtzylindern und entsprechendem CO2-Ausstoß verrechnet werden. So lassen sich solche Fahrzeuge trotz der neuen Einschränkungen weiter an den Käufer bringen.

Die Obergrenze von 95 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilometer heißt, dass ein Benzinmodell einen Normverbrauch von 4,1 Litern aufweisen muss, ein Dieselfahrzeug von 3,6 Litern. Je größer und schwerer ein Auto mit Verbrennungsmotor ist, desto weniger lässt sich dieser Abgaswert erfüllen. Happige Strafzahlungen drohen.

Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor ganz zu verbannen, ist derzeit völlig unrealistisch. Doch 2025 und 2030 werden die Vorschriften weiter verschärft. Die Autoindustrie bietet bereits zahlreiche Alternativen an: reine Elektroautos oder Hybrid- und Plug-in-Hybride, die kürzere Strecke rein elektrisch fahren können. Langfristig werden auch Wasserstoff (Brennstoffzelle) und alternative Kraftstoffe (e-fuels) interessant.

Gut 60 000 Elektroautos und rund 40  000 Plug-in-Hybride, die ebenfalls an der Steckdose aufgeladen werden können, wurden 2019 verkauft, fast doppelt so viele wie 2018. Bei 3,6 Millionen Neuzulassungen insgesamt ist das jedoch immer noch sehr wenig. Im neuen Jahr soll es sozusagen stromaufwärts gehen: Erneut wird ein verdoppelter Absatz angepeilt. 2030 werden zehn Millionen Stromer nötig sein, um die dann geltenden „green deals“ zu erfüllen.

Elektromodelle gewinnen gesellschaftliche an Achtung. Der Taycan, der erste Batterie-Porsche, wurde „Auto des Jahres“. Die Formel E etabliert sich als grüne Alternative zur Formel 1. Stromer machen Spaß. Sie sind preiswert beim Stromzapfen zumindest zuhause an Wallbox oder Steckdose, am Arbeitsplatz sogar gratis und steuerfrei, sie brauchen wenig Wartung, kaum Reparaturen.

Etliche Teslas nähern sich der Kilometer-Million – ohne große Pannen. Heizung, Klima sind kein Problem mehr. Kleinwagen wie der Renault Zoe haben heute 40 Kilowattstunden Strom an Bord, mehr als genug auch für lange tägliche Wege mit Klimatisierung, Licht und Radio.

Im neuen Jahr stehen Dutzende neuer Elektromodelle an. Von Alfa Romeo bis Volvo sind nahezu alle Marken dabei, selbst Spätzünder wie Fiat, Ford und so­gar Dacia.

Vor allem beginnt das E-Zeitalter für preiswerte Kleinwagen. Mii electric von Seat und Citigo e IV von Skoda, beide mit Karosse und Antrieb aus dem e-Up von Volkswagen, kommen mit Grundpreisen etwas über 20 000 Euro. Minus 6000 Prämie liegt die E-Version unter 15  000 Euro. Das ist kaum mehr, als dasselbe Modell mit einem der stärkeren Benzinmotoren kostet.

Auf Dauer fallen die Preise weiter. Größere Serien ermöglichen rationellere Produktion, nicht zuletzt für die heute noch sehr teuren Batterien. Beim „Black Friday“ von Amazon gab es den Seat Mii electric für 99 Euro im Monat zu leasen. In China laufen Elektroautos millionenfach, allerdings dank subventionierter Preise ab 8000 Euro. Renault peilt mit dem aus China importierten City-SUV K-ZE bei uns 15 000 Euro an.

BMW will bis 2023 nicht weniger als 25 Stromer auf die Räder stellen, mit Batterie- wie Hybridantrieb. Die Industrie sichert sich Materialien wie Lithium und Kobalt durch milliardenschwere Verträge mit schwedischen Spezialisten (Northvolt), mit Chinesen, Koreanern und Japanern (Ganfeng, CATL, Samsung SDI). Tesla gar kommt nach Berlin: Der größte Elektroauto-Hersteller der Welt plant hier eine Fabrik für eine halbe Million Autos im Jahr.

Zehn Millionen Elektroautos, so der Energieversorger EnBW, verkraften die E-Werke in Deutschland locker. Engpässe indes sind zu erwarten, wenn in einer Tiefgarage Dutzende zur gleichen Zeit an der Wallbox hängen. Für sie reichen die lokalen Elektroleitungen nicht. „Smarte“ Netze könnten die Ladungen zeitlich entzerren und unter Umständen Strom aus den Autos vorübergehend zurückholen, wenn alternative Energien bei Spitzenbedarf nicht ausreichen.

Vielleicht setzt sogar die Politik neue Zeichen, indem nicht nur immer neue Autogipfel, Masterpläne und Arbeitskreise öffentliche Ladepunkte versprechen, sondern tatsächlich bauen: bis 2030 eine Million. 24 000 heute sind viel zu wenig.

Vielleicht kann man schon bald sogar mit Scheck- oder Kreditkarte bezahlen. Jetzt herrscht auf Langstrecke Chaos, weil jeder Energieversorger seine eigene Karte hat – mit oftmals unverständlichen Konditionen.

Zudem muss die Politik den Weg freimachen für mehr Ladepunkte in privaten Garagen. Derzeit kann in einem Mehrfamilienhaus jeder einzelne Wohnungseigner den Einbau einer Wallbox für alle verhindern.

Deutsche Motorjournalisten haben den Porsche Taycan zum Auto des Jahres gewählt. Es ist das erste Elektromodell des Sportwagenherstellers. Foto: Porsche
Renault baut das City-SUV K-ZE in China. Dort ist das kleine Elektroauto bereits erhältlich. Es soll auch nach Europa kommen. Foto: Renault

Und wer Ladestationen, Lebensdauer, Reichweiten und Ressourcenrechnungen für die Millionen von angekündigten Elektroautos nicht traut, sollte sich wenigstens mal die neuesten Plug-in-Hybride ansehen. Sie ermöglichen emissionsfreies Rollen in der Stadt bis zu 100 Kilometer weit. Der Verbrennungsmotor sorgt indes für Langstrecken-Tauglichkeit. Die Doppel-Motoren finden sich vor allem in großen und teuren Fahrzeugen. Sie ersetzen hier zunehmend den Diesel. Und geben damit selbst 2,5 Tonnen schweren SUVs einen (leicht) grünen Anstrich.