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Klage gegen Facebook
Klage wegen traumatischer Löscharbeit

Ärzte stellten bei einer ehemaligen Facebook-Mitarbeiterin eine posttraumatische Belastungsstörung fest. Die Amerikanerin hatte neun Monate lang abstoßende Inhalte gesichtet und gelöscht.
Ärzte stellten bei einer ehemaligen Facebook-Mitarbeiterin eine posttraumatische Belastungsstörung fest. Die Amerikanerin hatte neun Monate lang abstoßende Inhalte gesichtet und gelöscht. FOTO: dpa / Marijan Murat
San Mateo. Eine frühere Mitarbeiterin, deren Aufgabe es war, verstörende Bilder und Videos zu entfernen, verklagt Facebook. Von Hannes Breustedt und Andrej Sokolow

Facebook wird in den USA von der ehemaligen Mitarbeiterin eines Löschzentrums verklagt, weil die ständige Belastung durch schockierenden Inhalte sie krank gemacht habe. Die Anwälte der Frau namens Selena Scola aus San Francisco streben eine Sammelklage an, der sich auch andere Beschäftigte anschließen könnten. Die Klägerin erklärt, sie leide nach der Arbeit für Facebook an einem posttraumatischen Belastungssyndrom. Diese psychische Erkrankung trete auf, wenn eine Person ein belastendes Ereignis, etwa einen schweren Unfall oder eine Gewalterfahrung, nicht verarbeiten könne, erklärt die Deutsche Traumastiftung. Die Krankheit komme beispielsweise auch bei Flüchtlingen oder Soldaten vor.


In sogenannten Löschzentren – von denen es auch zwei in Deutschland gibt – werden unter anderem anstößige Videos und Bilder, Hassrede oder Gewaltdarstellung gesichtet und entfernt. Als Zeitarbeiter eingestellte Facebook-Moderatoren würden täglich tausenden Videos, Bildern und Live-Übertragungen von sexuellem Missbrauch von Kindern, Vergewaltigungen, Folter, Tiersex, Enthauptungen, Suiziden und Morden ausgesetzt, erklärt Klägeranwalt Korey Nelson von der Kanzlei Burns Charest.

Das soziale Netzwerk ignoriere seine Pflicht, für die Sicherheit dieser Mitarbeiter zu sorgen, hieß es in der Mitteilung der Anwälte weiter. Facebook greife beim Ausmisten seiner Plattform auf Zeitarbeiter zurück, die angesichts der schockierenden Inhalte irreparable traumatische Schäden während ihrer Arbeit erlitten.



„Wir prüfen die Behauptungen derzeit“, teilte Facebook in einer Stellungnahme mit. Der Konzern räumt in der Mitteilung ein, dass diese Arbeit in Löschzentren häufig schwierig sei. „Darum nehmen wir die Unterstützung unserer Moderatoren unglaublich ernst.“ Die Mitarbeiter erhielten ein spezielles Training und man biete ihnen psychologische Hilfe an. Facebook-Angestellten stehe dies hausintern zur Verfügung, von Partnerfirmen würden ebenfalls entsprechende Maßnahmen verlangt. Über die Arbeitsbedingungen in Facebooks Löschzentren unter anderem in Asien hatte es bereits wiederholt negative Medienberichte gegeben.

Die Klägerin arbeitete den Anwälten zufolge ab Juni 2017 neun Monate im Auftrag einer Zeitarbeitsfirma für den Internet-Konzern. Später sei bei ihr eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden. Die Kanzlei fordert unter anderem die Einrichtung eines Fonds für medizinische Tests und die Versorgung der Moderatoren.

Die deutschen Löschzentren in Berlin und Essen betreibt Facebook ebenfalls nicht selbst. Der Konzern greift für diese Arbeit auf die Dienstleistungsfirmen CCC und Arvato zurück, die unter anderem Call-Center betreiben. Nach Kritik an den dortigen Arbeitsbedingungen gewährte Facebook im vergangenen Jahr einigen Journalisten Zugang zum Berliner Löschzentrum und betonte auch hier die Maßnahmen zur psychologischen Unterstützung.

Gespräche mit Mitarbeitern – in Anwesenheit von Facebook-Vertretern – zeichneten damals ein Bild von Menschen, die mit der Härte des Jobs zu kämpfen haben und zum Teil abstumpfen. „Ich weiß noch, das erste Enthauptungsvideo – da hab‘ ich dann ausgemacht, bin raus und hab erstmal ein wenig geheult“, erinnerte sich damals eine 28-jährige Mitarbeiterin. „Jetzt hat man sich so daran gewöhnt, es ist nicht mehr so schlimm.“

Einer der Vorgesetzten sagte damals auch, Mitarbeiter müssten sich selbst melden, um psychologische Betreuung zu bekommen. „Ich als Teamleiter weiß ja nicht, ob jemand Betreuung braucht oder nicht.“ Zugleich arbeiten die Menschen in den Löschzentren mit dem Gefühl, andere vor Schaden zu bewahren: „Wenn ich durch meine Arbeit jemandem ersparen kann, dass er das sehen muss, dann finde ich das sehr gut“, erkärte eine der Frauen.