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Auf der Bahnhofstraße in die Zukunft

Merzig. In Merzig testen Forscher der Hochschule für Technik und Wirtschaft Kommunikationstechniken der nächsten Autogeneration. Peter Bylda

In Merzig hat die Zukunft des Autofahrens schon begonnen - doch Autofahrer bekommen davon nichts mit. Wer in Merzig zum Beispiel in der Bahnhofstraße unterwegs ist, rollt ohne es zu bemerken über ein Testgelände der Automobilforschung, das demnächst sogar Ausgangspunkt eines deutsch-französischen Großprojekts werden soll. Auf dem sogenannten Testfeld Merzig untersuchen Ingenieure der Forschungsgruppe Verkehrstelematik der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Kommunikationstechniken fürs autonome Auto von morgen.


Aus Sicht der Kommunikationsexperten steht das Kraftfahrzeug heute auf dem Entwicklungsstand der Buschtrommel. Ein bisschen hupen und blinken, viel mehr Kommunikationsmöglichkeiten mit anderen Autos bietet es nicht. Saarländische Forscher entwickeln mit Unternehmen der Automobilbranche Technik fürs Auto von morgen. Es soll Daten mit anderen Fahrzeugen austauschen, vor Falschfahrern und Baustellen warnen oder Alarm schlagen, wenn sich Kilometer voraus ein Stau bildet.

Damit ein Auto vor Gefahren warnen kann, muss die Reichweite der Sensoren seines Bordcomputers größer als das Blickfeld seines Fahrers sein. Das ist möglich, wenn viele Autos zu einem Netzwerk verbunden sind. Diese Technik steht in der Bahnhofstraße auf dem Prüfstand, erklärt Professor Horst Wieker von der HTW.



In der Welt der Forschung werden komplizierte Themen in Abkürzungen komprimiert. 802.11p ist ein solcher Code. Das Sieben-Zeichen-Kürzel bezeichnet eine Norm der Funknetzwerke (WLAN), die in Merzig getestet wird. 802.11 steht für den aktuellen WLAN-Standard, den wir aus dem heimischen PC-Netz kennen. Die Version "p" ist speziell für den Datenverkehr auf der Straße konzipiert, so Wieker. Im Prinzip könnten damit zwei Fahrzeuge, die mit 200 Kilometern pro Stunde aneinander vorbeibrausen, Informationen austauschen.

In der Bahnhofstraße, wo es nicht nur zu Stauzeiten sehr viel gemütlicher zugeht, hängen die unscheinbaren, grauen Kästen mit den WLAN-Modulen in mehreren Metern Höhe an Lampenmasten. Das Testfeld wurde wegen seiner "interessanten Verkehrssituation ausgewählt", erklärt Florian Petry von der HTW. Außer dem typischen Stadtverkehr sind hier Autos auf dem Weg von oder zur Autobahn unterwegs. Und immer wieder reihen sich auch die vier digital hochgerüsteten HTW-Versuchsfahrzeuge in den Verkehr ein.

Rund 300 Meter Reichweite hat ein einzelner WLAN-Sender. Die Reichweite eines aus vielen Autos gebildeten Netzwerkes ist jedoch prinzipiell unbegrenzt, weil jede Nachricht von Fahrzeug zu Fahrzeug weitergereicht wird. So kann der Bordcomputer im Stadtverkehr um die Ecke schauen, die grüne Welle berechnen, er kennt die Zahl freier Parkplätze und kann Baustellen Kilometer im Voraus erkennen und seinen Fahrer bei Gefahr warnen. Eine solche Situation stellt Florian Petry jetzt bei einer Testfahrt in der Bahnhofstraße nach. Dabei geht's darum, vor einem Falschfahrer in der Einbahnstraße zu warnen. Im Experiment der HTW-Forscher ist die drohende Kollision durch einen technischen Trick nur simuliert - der Bordcomputer zeigt auf dem Display des Testwagens die Warnung "Achtung Falschfahrer" an und dazu laufende Abstandsinformationen. Im Ernstfall hätte die Warnung höchstwahrscheinlich genügt, um einen Zusammenstoß vermeiden zu können.

Apropos vermeiden: Das Thema wird beim Datenschutz wichtig. Die HTW-Ingenieure wollen vermeiden, dass zum Beispiel Falschfahrer-Warnungen mit Angaben zum betroffenen Fahrzeug direkt zur Polizei durchgestellt werden. Würde der Bordcomputer vom Autofahrer als Digitalspitzel mit eingebautem Denunziations-Modul wahrgenommen, wäre es um die Akzeptanz der neuen Technik schnell geschehen. "Alle Daten werden anonymisiert übertragen", erklärt Petry. "Das ist auch datenschutzrechtlich sicher."

Mit der WLAN-Technik lasse sich im Vergleich zum Handyfunk jede Nachricht zuverlässig anonymisieren, erklärt auch Horst Wieker. Und das sei nicht der einzige Vorteil dieses Verfahrens. Im Prinzip könnte das Auto-WLAN sofort starten, erklärt der HTW-Professor. Mit geschätzten Kosten von 100 Euro pro Auto und 1500 Euro pro WLAN-Hotspot an einer Ampel sei die Technik günstig. Bei der nächsten Generation des Handyfunks, der fürs autonome Auto ebenfalls in Frage komme, seien dagegen viele technische Fragen noch offen. Natürlich werde die HTW-Forschungsgruppe auch die nächste Generation des Handyfunks testen. "Aber wir setzen in jedem Fall auf die Konkurrenz der Systeme", erklärt Horst Wieker.