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| 21:21 Uhr

Zweifel am kirchlichen Aufklärungswillen

Nach dem Schock und der Empörung über die jahrelange Vertuschung von hundertfachem Missbrauch versprach die katholischen Kirche eine Kehrtwende. Eine härtere Gangart gegenüber Tätern sowie umfassende Aufklärung solle es geben, eine neue Offenheit angesichts rasant steigender Austrittszahlen. Drei Jahre nach Losbrechen des Skandals steht die Kirche nun aber erneut am Pranger Von Michael Evers (dpa), Stefan Vetter und Rolf Seydewitz (SZ)

Nach dem Schock und der Empörung über die jahrelange Vertuschung von hundertfachem Missbrauch versprach die katholischen Kirche eine Kehrtwende. Eine härtere Gangart gegenüber Tätern sowie umfassende Aufklärung solle es geben, eine neue Offenheit angesichts rasant steigender Austrittszahlen. Drei Jahre nach Losbrechen des Skandals steht die Kirche nun aber erneut am Pranger. Sie habe Zensur bei der Untersuchung von Missbrauchsfällen ausüben wollen, lautet der Vorwurf des Kriminologen Christian Pfeiffer. Kritiker zweifeln am Aufklärungswillen und der Glaubwürdigkeit der Kirche. Der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, der noch bis heute in Israel an einem internationalen Bischofstreffen teilnimmt, wies indes die Anschuldigungen zurück (siehe nebenstehendes Interview).

Sie wolle "der Wahrheit auf die Spur kommen" und "eine ehrliche Aufklärung", hatte Ackermann vor eineinhalb Jahren erklärt, als Pfeiffer mit einer umfassenden Studie beauftragt wurde. Statt Geheimhaltung sollte es erstmals Zugang zu kirchlichen Akten für externe Experten geben, möglicherweise noch unentdeckte Sachverhalte sollten ans Tageslicht geholt werden.

Genau dagegen aber habe sich schnell Widerstand in Reihen der Kirche gerührt, vor allem in den Bistümern München/Freising und Regensburg, beklagt Pfeiffer. Die Kirche habe daraufhin auf ein Vetorecht bei der Veröffentlichung von Ergebnissen gepocht - für den renommierten Kriminologen aus Hannover eine unannehmbare Einschränkung seiner Arbeit.

Selbst eine Vernichtung von Akten habe es gegeben, sagt Pfeiffer. Die Bischofskonferenz bestreitet das. Es sei um den Datenschutz von Mitarbeitern und keinen Eingriff in die Aufklärung gegangen, heißt es aus der Kirche, die statt Pfeifer nun anderen Forschern die Studie übertragen will.

"Die Frage ist, ob die Kirche bereit ist, sich der Aufklärung und der Wissenschaft zu stellen", sagt Christian Weisner von der Bewegung "Wir sind Kirche". "Sie sollte alles tun, damit es nicht nach einer Zensur oder einem Gefälligkeitsgutachten aussieht." Der Münchner Kardinal Reinhard Marx müsse sich fragen lassen, warum gerade von ihm und seinem Generalvikar versucht worden sei, das Rad zurückzudrehen. Offenbar seien bei einer Voruntersuchung im Bistum neun Mal so viele Taten in den Akten entdeckt worden, als die Kirche bisher angegeben hatte. "Da hat man wohl kalte Füße bekommen."

Wenig überrascht von dem Scheitern des Forschungsprojekts zeigte sich gestern der Sprecher der Missbrauchsopfer im Bistum Trier, Thomas Schnitzler: "Stephan Ackermann sind offenbar die Hände gebunden", sagte er unserer Zeitung, "die reaktionären Kräfte in der katholischen Kirche, die die Aufklärung verhindern wollen, scheinen stärker zu sein." Ähnliche Vorwürfe erhob auch der Präsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers. "Ich habe den Verdacht, dass starke Kräfte in der katholischen Kirche jetzt nach der Methode Vergessen-und-Vergeben arbeiten", sagte Hilgers zur SZ. "Es gibt derzeit keine Missbrauchsskandale, über die öffentlich berichtet wird, und deshalb glaubt man in Kirchenkreisen jetzt offenbar den Mantel des Schweigens darüber hängen zu können."

Dabei hatte die katholische Kirche seit dem Jahr 2010, als der jahrzehntelang praktizierte sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen etwa durch Priester oder Heimmitarbeiter bekannt wurde, immerhin einiges unternommen, um Opfern zu helfen und verloren gegangene Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Mit Bischof Ackermann wurde ein Missbrauchsbeauftragter ernannt, die Leitlinien zum Umgang mit sexueller Gewalt wurden verschärft. Bei jedem Verdacht wird nun der Staatsanwalt eingeschaltet.

Eine Entschädigung von Opfern mit bis zu 5000 Euro wurde vereinbart und deutschlandweit sammelten die Bistümer Hinweise auch auf lange zurückliegende Missbrauchsfälle. Neben Geld bot die Kirche therapeutische Hilfen und richtete unter Einbindung externer Experten Ansprechstellen für Opfer ein. Bundesweit gingen 1200 Anträge auf Entschädigung ein, teilte die Deutsche Bischofskonferenz gestern mit. Tausende Anrufe gab es bei der zentralen Hotline für Missbrauchsopfer in Trier.

Kein gutes Beispiel für schonungslose Aufklärung lieferte allerdings der Missbrauchsbeauftragte Ackermann selbst. Vor gut einem Jahr musste er "gravierende Fehler" bei der Aufarbeitung eines Missbrauchsfalls in seinem eigenen Bistum einräumen.

Hintergrund

Im Saarland wurden seit Anfang 2010 mehrere Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen bekannt. So hat es unter anderem in einem früheren Internat der Steyler Missionare in St. Wendel in den 60er und 80er Jahren sexuellen Missbrauch gegeben. Auch im Internat des Homburger Gymnasiums Johanneum ereigneten sich in den 70er und 80er Jahren Missbrauchsfälle. Zwei Patres haben zwischenzeitlich gestanden, Kinder sexuell missbraucht zu haben. Sie wurden im Juni 2012 kirchenintern bestraft. Kurze Zeit später wurde ein damals 72-Jähriger wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen aus dem Klerikerstand entlassen. Der Mann, der aus Sulzbach stammt, hatte zwischen 1966 und 1980 fünf Jungen missbraucht, unter anderem in Illingen und Hühnerfeld. Ende 2011 waren außerdem Übergriffe von zwei Priestern aus Lebach-Gresaubach und Saarbrücken aus den 70er und 80er Jahren bekannt geworden. tho