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| 20:07 Uhr

Wie in Saarbrücken ein Blinder zum Maler werden sollte

Rainer E. mit seiner Blindenhündin Mia. Foto: Iris Maurer
Rainer E. mit seiner Blindenhündin Mia. Foto: Iris Maurer
Friedrichsthal. Rainer E. (48) aus dem Sulzbachtal ist ein fideler Mensch. Wenn jemand von ihm etwas erwartet, versucht er, andere nicht zu enttäuschen. So war es auch im vergangenen November, als ihm ein Schreiben der Arge Saarbrücken zugestellt wurde. Darin hieß es, dass er sich einer "Aktivierungsmaßnahme für Langzeitarbeitslose" unterziehen müsse Von SZ-Redakteur Gerhard Franz

Friedrichsthal. Rainer E. (48) aus dem Sulzbachtal ist ein fideler Mensch. Wenn jemand von ihm etwas erwartet, versucht er, andere nicht zu enttäuschen. So war es auch im vergangenen November, als ihm ein Schreiben der Arge Saarbrücken zugestellt wurde. Darin hieß es, dass er sich einer "Aktivierungsmaßnahme für Langzeitarbeitslose" unterziehen müsse. Dabei gehe es um eine "praktische Arbeit im Holz- und Malerbereich", daneben in Grünpflege, Büro- und Hauswirtschaft. Bis zum 22. Dezember sollte er der Arge das Ergebnis seiner Bemühungen mitteilen. Auf "gesundheitliche Einschränkungen" werde Rücksicht genommen, wurde versichert.

Allerdings, auch das stand in dem Arge-Schreiben, sei Rainer E. verpflichtet, sich selbstständig zu bemühen, seine Hilfsbedürftigkeit zu beenden. Er müsse aktiv an allen Maßnahmen mitwirken, "die dieses Ziel unterstützen". Ansonsten könne die Sozialhilfe nach Hartz IV "gekürzt werden oder ganz entfallen". Eine Drohung, die der blinde Mann sehr wohl verstand.

Also fuhr er am nächsten Tag mit dem Bus, geführt von seiner fünf Jahre alten Blindenhündin Mia, zu dem von der Arge ausgewählten Arbeitsplatz, dem Diakonischen Werk in Sulzbach. Rainer E. hatte mit sechs Jahren sein Augenlicht verloren. Beim Cowboy-und-Indianer-Spiel hob er gerade in dem Moment den Kopf aus der Deckung, als ein Pfeil heransurrte und sich in sein rechtes Auge bohrte. Zwei Jahre später bewirkte die Entzündung seines Sehnervs, dass er auch auf dem linken Auge erblindete.

Beim Diakonischen Werk schlug man die Hände über dem Kopf zusammen, als man bemerkte, dass man von der Arge einen Blinden zugewiesen bekommen hatte. Rainer E. hätte zwar seinen Job ausüben wollen. Doch dann hätte man zusätzlich noch eine Aufsichtsperson einstellen müssen.

Auf den Vorfall angesprochen entschuldigte eine Arge-Sprecherin die Arbeitsverpflichtung mit der Computer-Systematik: Man habe alle Personen rausfiltern lassen, die seit mehr als 36 Monaten arbeitslos sind. Und da sei eben der Blinde eher zufällig dabei gewesen. Allerdings hatte dieser Hinweis auf ein angeblich einmaliges Versehen der Arge einen schweren Pferdefuß. Denn bereits Anfang Februar flatterte Rainer E. ein weiteres Schreiben ins Haus. Wieder ging es um "praktische Arbeit im Holz- und Malerbereich".

Eine weitere Arge-Sprecherin behauptet nun dagegen, der blinde "Kunde" stelle die Angelegenheit falsch dar. Denn er habe sich erst beim zweiten Anschreiben gemeldet. Und da habe man sich um ihn gekümmert.

Komplizierte Briefe

Rainer E. bleibt bei seiner Darstellung; bei der zweiten Aufforderung sei er vollkommen ratlos gewesen. Da wandte er sich an den Nachbarschaftstreff der Gemeinwesenarbeit Friedrichsthal, der von der Caritas Saarbrücken getragen wird. Dort, so heißt es, habe man mehrfach mit der Arge in der Sache Rainer E. Kontakte herstellen wollen. Aber es habe nicht geklappt. Zum Glück seien aber die Hartz IV-Zahlungen an Rainer E. weder gekürzt noch eingestellt worden.

Bei diesem Nachbarschaftstreff kann man ein Lied mit vielen Strophen über Hartz IV singen. Dabei geht es den Mitarbeitern nicht darum, der Arge oder der Arbeitsagentur einen Vorwurf zu machen. Sie wollen vielmehr auf die Schwierigkeiten hinweisen, mit denen Hartz IV-Empfänger immer stärker konfrontiert sind. "Die Leute verstehen die Bescheide nicht mehr", sagt die Sozialarbeiterin Lydia Fried. Es gebe für die Betroffenen ständig neue Nachricht, wenn zwischen Hartz IV, Wohn- oder Kindergeld hin und her gerechnet werde.