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Schalter umgelegt, Strom weg: Plötzlich war es Nacht

Paris. Während von Entlassung bedrohte Fabrikarbeiter in Frankreich gern ihre Chefs als Geiseln nehmen, nutzen Mitarbeiter der Energiekonzerne EDF und GDF ihre Mitbürger als Druckmittel, um höhere Löhne durchzusetzen. In einem nordfranzösischen Krankenhaus brach unlängst Panik aus, als der Strom ausfiel und die Notversorgung nicht ansprang Von afp-Mitarbeiter Kerstin Löffler

Paris. Während von Entlassung bedrohte Fabrikarbeiter in Frankreich gern ihre Chefs als Geiseln nehmen, nutzen Mitarbeiter der Energiekonzerne EDF und GDF ihre Mitbürger als Druckmittel, um höhere Löhne durchzusetzen. In einem nordfranzösischen Krankenhaus brach unlängst Panik aus, als der Strom ausfiel und die Notversorgung nicht ansprang. Erst am Dienstag besetzten Beschäftigte der EDF-Netztochter ErDF eine Umspannanlage bei Paris und legten die Versorgung von 15 000 Anwohnern lahm. Fast zeitgleich waren im südfranzösischen Toulouse tausend Menschen ohne Gas, weil wütende Beschäftigte des GDF-Netzbetreibers GrDF den Hahn zudrehten.Tausende ohne StromSo geht das seit Ende März. Mal waren siebentausend Menschen in zwei Pariser Stadtvierteln ohne Strom, bei einem Aktionstag im April wurde gleich 66 000 Menschen die Versorgung gekappt. Das geht ganz einfach, wie ein Gewerkschaftsvertreter erklärt: "Beim Gas schließt man einen Hahn, beim Strom legt man einen Hebel um."Bislang hat die Polizei aber keine Übeltäter ausfindig gemacht. Am Donnerstagabend spitzte der Konflikt sich zu, als Mitarbeiter von ErDF und GrDF die Zentrale des Gasversorgerverbandes in Paris stürmten und einen Teil der Büros verwüsteten; die Polizei nahm 74 Menschen in Gewahrsam, ließ sie aber nach kurzer Befragung wieder frei. Die Beschäftigten der Netzbetreiber fordern fünf Prozent mehr Lohn und eine Einmalzahlung von 1500 Euro. Seit die Unternehmensbereiche aus den Großkonzernen ausgegliedert worden seien, hätten sich die Arbeitsbedingungen deutlich verschlechtert. Damit der Unmut in der Bevölkerung nicht zu groß wird, stellen die Streikenden den Strom nicht nur ab, sondern bisweilen auch an. Nach Robin-Hood-Manier sorgen sie dafür, dass teilweise Haushalte wieder Strom haben, die die Rechnung nicht bezahlt haben. Oder sie manipulieren die Zähler so, dass der Strom umsonst aus der Steckdose kommt.