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Mordrate in Mexiko
Lkw als rollende Leichenhalle

MEXIKO-STADT. Die Gewalt in Mexiko erreicht ein ungeheuerliches Ausmaß: Weil zu viel gemordet wird, weiß niemand, wohin mit all den Toten. Von Klaus Ehringfeld

Die Anwohner von Tlajomulco hatten am Samstag genug von diesem süßlichen, beißenden Gestank. Seit Tagen schon roch es nach Tod in dem Ort, etwa eine halbe Stunde südlich der mexikanischen Metropole Guadalajara. Die Bewohner hatten einen Verdacht. Im Stadtteil Paseos del Valle parkte schon länger ein Kühl-Lkw. „Logistik Montes“ steht darauf, und ein Eisbär mit erhobenem Daumen grüßt den Betrachter fröhlich.


In Inneren des Hängers ging es weniger spaßig zu. Darin lagern 157 Leichen, deponiert von den Justizbehörden des Bundesstaates Jalisco. Denn angesichts völlig außer Kontrolle geratener Gewalt sind die gerichtsmedizinischen Institute und Leichenschauhäuser überfordert. 180 Morde monatlich werden im Schnitt in dem Staat begangen.

Fast alle stehen im Zusammenhang mit der Organisierten Kriminalität. Da der Bau einer neuen Leichenhalle erst Ende Oktober fertiggestellt wird, kam Luis Cotero, Direktor des Gerichtsmedizinischen Instituts von Jalisco (IJCF), auf die Idee, Lkws anzumieten und die leblosen Körper dort zwischenzulagern, bis sie untersucht werden können. Da der Toten-Transporter mit seiner makaberen Fracht aber nirgends wirklich gern gesehen ist, parken ihn die Justizbehörden mal hier, mal dort. Mexiko habe sich einmal mehr in makaberem Surrealismus selbst übertroffen, sagt der Autor Jorge Zepada Patterson. „Die Kartelle morden schneller, als die Behörden Leichenschauhäuser bauen können.“



Früher verbrannten die Behörden einfach die Leichen, die nicht identifiziert wurden und nach denen keine Angehörigen fragten. Aber seit zwei Jahren zwingt ein Gesetz dazu, die Körper immer zu obduzieren, falls der Verdacht eines Verbrechens besteht.

Über Horror-Situationen wie in Jalisco berichten auch die Justizbehörden im Bundesstaat Guerrero mit seiner Metropole Acapulco oder in Puebla, Veracruz und auch in Guanajuato. Sie sind Ergebnis einer ausufernden Gewalt in Mexiko, die immer neue Rekorde bricht. 2017 war das blutigste Jahr in der jüngeren Geschichte des zweigrößten Landes in Lateinamerika. 85 Morde am Tag ließen die Statistik vergangenes Jahr auf 31 000 Tote ansteigen, wie das staatliche Statistikinstitut INEGI mitteilte. Die Dunkelziffer dürfte um ein vielfaches höher liegen. Ein Drittel der Toten wies Schussverletzungen auf. Und laut Experten ist die ganz überwiegende Zahl der Opfer im Zusammenhang mit der Gewalt der Organisierten Kriminalität ums Leben gekommen. Der exponentielle Anstieg von Mord und Totschlag ist das Resultat einer verfehlten Politik von Präsident Enrique Peña Nieto gegen das Organisierte Verbrechen sowie verschärften Kämpfen der Kartelle um Routen und Reviere fast im ganzen Land.

Jalisco ist dabei Epizentrum der Gewalt. Hier wütet das Kartell „Jalisco Nueva Generación“ (CJNG). Es ist eine Abspaltung des Sinaloa-Kartells von „El Chapo“ Guzmán. Das CJNG gilt inzwischen als die mächtigste Mafia Mexikos, und sie will alle kriminellen Geschäftszweige an sich reißen.

Ging es früher vor allem um den Transport und die lokalen Verteilungsmärkte für Drogen aller Art, sind längst andere Delikte dazu gekommen wie Menschenhandel und der Diebstahl von Benzin und Gas. Dabei werden die Pipelines des staatlichen Ölkonzerns Pemex angezapft und vor allem der Treibstoff mit hoher Marge verkauft. Der Markt dafür ist angesichts stark gestiegener Benzinpreise in Mexiko groß und entsprechend hart umkämpft.

Es existiere eine auffällige Verbindung zwischen dem Anstieg der Gewalt und der Zunahme des Treibstoffraubs, sagt Gustavo Mohar, Ex-Chef des Geheimdienstes CISEN. „Sie verlaufen fast parallel“. Das gleiche wiederhole sich in vielen Regionen, in denen die Kartelle um die Kontrolle der Rauschgiftmärkte kämpfen, betont der Experte.

Die Zahlen des laufenden Jahres deuten darauf hin, dass 2018 ein neuer trauriger Rekord erreicht werden wird. In den ersten sechs Monaten des Jahres wurden 16 400 Menschen ermordet. Der Juli war der tödlichste Monat in Mexikos Geschichte mit 2599 Morden. Seit der Staat Ende 2006 den Kartellen den Krieg erklärte, sind 200 000 Menschen eines unnatürlichen Todes gestorben. Die meisten gerieten dabei unschuldig ins Kreuzfeuer. 37 000 Menschen gelten zudem als vermisst. „Es sind mehr Tote als in den Jugoslawien-Kriegen“, sagt Jorge Zepeda.

Daher hat der künftige Präsident, Andrés Manuel López Obrador, einen Wandel im Kampf gegen das Organisierte Verbrechen angekündigt. Der Fokus solle weg vom Verfolgen, Verhaften und Töten der führenden Köpfe der Kartelle, sagt sein designierter Sicherheitsminister, Alfredo Durazo. Nach dem Machtwechsel am 1. Dezember sollten zum einen stärker die Finanznetze, die operative Schlagkraft und die Verbindungen der Kartelle in die legale Wirtschaft attackiert werden. Zudem sollte auch mehr Augenmerk auf Prävention und Armutsbekämpfung gelegt werden. Für einfache Mitläufer in den Kartellen könnte es eine Amnestie geben.

Luis Cotero, Direktor des Gerichtsmedizinischen Instituts von Jalisco, wurde vom Gouverneur von Jalisco angesichts des Toten-Transporters umgehend von seinen Aufgaben entbunden. Cotero sucht übrigens selbst seine Tochter, die vor zwei Monaten verschwand. Vielleicht ist auch sie in einem der Kühl-Lkws.