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Bertelsmann-Studie warnt
Zu schnell in der Klinik, zu schnell im OP

In keinem anderen Bundesland liegen so viele Patienten wegen Rückenbeschwerden im Krankenhaus, kritisiert  die Bertelsmann-Stiftung.
In keinem anderen Bundesland liegen so viele Patienten wegen Rückenbeschwerden im Krankenhaus, kritisiert die Bertelsmann-Stiftung. FOTO: Felix Kästle / dpa
Saarbrücken. In keinem anderen Bundesland kommen so viele Patienten wegen Rückenschmerzen ins Krankenhaus wie im Saarland.



In keinem anderen Bundesland ist die Lebenserwartung niedriger als im Saarland. Ein heute geborenes Mädchen kann statistisch 82 Jahre alt werden, ein Junge 77 Jahre, hat das Max-Planck-Institut für demografische Forschung im vergangenen Herbst berechnet. Da liegt die Vermutung nahe, dass die Menschen eines Bundeslandes, in dem die Lebenserwartung niedrig ist, auch häufiger krank sind. Und in der Tat zeigt eine Untersuchung des Instituts für Wirtschaftsforschung der Leibniz-Gesellschaft in Essen, dass Saarländer überdurchschnittlich häufig im Krankenhaus behandelt werden. Dieser Wert liege altersbereinigt um gut fünf Prozent über dem Bundesdurchschnitt.

Doch als Erklärung für die extremen Ausreißer in der Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung zum Thema Rückenleiden reicht dieses Argument allein nicht aus, erklärt Dr. Eckart Rolshoven, Vorstandsmitglied der saarländischen Ärztekammer. Das Saarland belegt dort bei der zusammengefassten Auswertung aller Krankenhausbehandlungen bundesweit mit Abstand Rang eins. Rolshoven sieht dafür zwei weitere Faktoren: Die unrühmliche Position des Landes in der Statistik der Wirbelsäulen-Operationen lässt sich aus seiner Sicht „noch am ehesten durch die Vielzahl der Abteilungen im Land erklären, die diese Eingriffe durchführen“. Und das medizinische Abrechnungssystem nach sogenannten Fallpauschalen, deren energischer Kritiker er ist, „ist darauf angelegt, den Patienten wirtschaftlich auszubeuten“. Dieses System setze bei der Therapie von Krankheiten, deren Ursache nicht vollkommen klar ist, völlig falsche Anreize.  Die Maximalbehandlung sei nicht unbedingt das Beste für den Patienten. „Ärzte sollten keine Betriebswirte sein.“ Das Thema Rücken-Operationen werde in der Ärzteschaft diskutiert. „Es wird zu viel an der Wirbelsäule operiert.“ Es sei an den politischen Entscheidungsträgern im Land, dafür zu sorgen, dass sich die Kliniken im Saarland nicht in einem ruinösen Wettbewerb gegenseitig massakrierten.

Die Bertelsmann-Stiftung ließ vom Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) Daten von fünf Millionen stationären Klinikbehandlungen in Deutschland auswerten. Sie kommt in ihrer Analyse zum Ergebnis, dass die Zahl der Wirbelsäulen-Operationen seit dem Jahr 2007 um mehr als zwei Drittel gestiegen ist. Die regionalen Unterschiede seien dabei so groß, dass medizinische Gründe oder Unterschiede in der Bevölkerungsstruktur als Erklärung nicht mehr ausreichten. „Der Wohnort bestimmt, ob Patienten ins  Krankenhaus kommen, konservativ behandelt oder operiert werden“, erklärt die Stiftung.

Deutliche Unterschiede gebe es auch innerhalb des Saarlands. So sei die Zahl Operationen zur Versteifung der Wirbelsäule bei Patienten aus dem  Saarpfalz-Kreis 40 Prozent höher als im Regionalverband Saarbrücken. In St. Wendel sei die Wahrscheinlichkeit wegen Rückenbeschwerden ins Krankenhaus geschickt zu werden um 50 Prozent höher als im Saarpfalz-Kreis.



Die Saarländische Krankenhausgesellschaft geht davon aus, dass die harte Arbeit in der  Schwerindustrie das Risiko für Rückenerkrankungen im Saarland erhöht. Ob das die Abweichungen  zum Bundesdurchschnitt erkläre, lasse sich nicht beurteilen, erklärt Geschäftsführer Dr. Thomas Jakobs. Ihm widerspricht wiederum Professor Jörg Loth vom Vorstand der Innungskrankenkasse (IKK) Südwest in Saarbrücken. Er geht davon aus, dass das schlechte Abschneiden des Saarlandes nicht daran liegt, dass saarländische Patienten kränker als der Durchschnitt in Deutschland seien. Loth spricht von einer „angebotsinduzierten Nachfrage“ an der Saar. Das bedeutet: Operiert wird auch, weil  die Kapazitäten dafür vorhanden sind.

Im Saarland mit seinen 22 Krankenhäusern sei die Bettendichte zu hoch. Eine so drastische Situation wie in der Bertelsmann-Studie geschildert, vermag Loth in den Daten der 650 000 IKK-Versicherten nicht zu erkennen, „aber ein steigender Trend ist da“. Was die Zukunft angeht, gibt sich Loth allerdings optimistisch. Er sei, was die Strukturplanung des Landes fürs Jahr  2018 angehe, guter Dinge.

Mit dem Thema Rückenbehandlungen hat sich auch die Kassenärztliche Vereinigung des Saarlands befasst. Sie hat bereits im Frühjahr 2013 auf die Bremse getreten und für die Abrechnung sogenannter CT-gesteuerter Infiltrationen bei Rückenschmerzpatienten neue Regeln erlassen, erklärt ihr Vorstandsvorsitzender Dr. Gunter Hauptmann. Bei dieser Behandlung wurden früher Cortison und ein örtliches Betäubungsmittel genutzt, heute werden allein lokale Betäubungsmittel um die Nervenwurzeln an der Wirbelsäule gespritzt, um Schmerzen und Entzündungen zu bekämpfen. Überwacht wird die Injektion, für die zwischen 70 und 120 Euro abgerechnet wird, per Computertomogramm (CT), damit die Injektionsnadel präzise an die richtige Position gelangt.

Das auch als periradikuläre Therapie (PRT) bezeichnete Verfahren wird unter Medizinern kontrovers diskutiert. Denn die Behandlung schalte zwar meist den Schmerz aus, erklärt Hauptmann, wirke aber häufig nicht langfristig. „Das ist das Fatale daran. Der Patient spürt sofort eine  Besserung, die Wirkung ist aber nicht selten von sehr kurzer Dauer.“ Wenn einzelne Ärzte dann beim selben Patienten solche Injektionen wie am Fließband in kurzen Abständen lange Zeit wiederholten, müsse die Therapie auf den Prüfstand gestellt werden. Dann sei es Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigung, genauer nach den Gründen zu schauen. „Das wird auch auf Bundesebene so gesehen.“ In solchen Fällen sei einem Patienten mit einer umfassenden, sogenannten multimodalen Schmerztherapie oft besser gedient. Das habe im Saarland im Jahr 2013 zur Regelung geführt, dass nur noch speziell ausgebildete Schmerztherapeuten CT-gesteuerte Infiltrationen auf Kosten der gesetzlichen Kassen vornehmen oder eine Überweisung dafür schreiben dürfen. „Der Gesundheitsmarkt muss gesteuert werden, und leider geht das am besten über die Finanzen. Wird eine Behandlung besonders gut bezahlt, wird sie auch besonders oft eingesetzt. Das ist im niedergelassenen Bereich nicht anders als im Krankenhaus. Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigung ist es, hier Fehlentwicklungen zu erkennen und dann gegenzusteuern, damit der Patient keinen Schaden nimmt“, sagt Hauptmann.

Und was kann nun der Patient tun, der sich in dieser Situation  verunsichert vor die Entscheidung  „OP oder keine OP“ gestellt sieht? Rolshoven von der saarländischen Ärztekammer plädiert in jedem Fall dafür, die zweite Meinung eines unabhängigen Mediziners einzuholen. Und am besten sei es, die Entscheidung über eine OP von einem Arzt treffen zu lassen, der diesen Eingriff dann nicht selbst durchführt. „Das schützt den Patienten am ehesten.“