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US-Wahl: Drohgebärden und haltlose Anschludigungen während der Stimmenauszählung

US-Wahl : Drohgebärden und haltlose Anschuldigungen

Während noch Stimmen ausgezählt werden, schwindet allmählich der Rückhalt für Donald Trump auch in den Reihen der Republikaner.

 Es gab Zeiten, da konnte man durch den Lafayette Park zum Weißen Haus laufen, ohne dass einem irgendein Hindernis den Weg versperrt hatte. Seit ein weißer Polizist den Schwarzen George Floyd tötete und eine Protestwelle durchs Land rollte, ist es damit vorbei. In den Tagen vor dem Votum sind noch ein paar Zäune und Betonbarrieren hinzugekommen, sodass das Weiße Haus nun erst recht an eine Festung erinnert, deren Bewohner mit einer Belagerung rechnen. Ein Präsident, der sich abschottet, sich einmauert, irgendwie passt das Bild zur Nachrichtenlage.

Draußen am Gitterzaun, maximal eine Fußminute vom Weißen Haus entfernt, schaut sich Abigail Corley per am Smartphone Trumps Pressekonferenz am Donnerstagabend an. Die Jurastudentin ist aus Atlanta angereist, um die Tage nach der Wahl in der Hauptstadt zu verbringen. Die amerikanische Demokratie, sagt Abigail Corley, sei zu stark, als dass sich ein Egozentriker über alle Regeln hinwegsetzen könne. „Trump wird die Auszählung nicht stoppen. Nicht in unserem Land. Das sind alles nur Worte. Er ist einfach wütend.“ Was der Mann unter illegalen Stimmen verstehe, schiebt die angehende Juristin hinterher, das könne sie ganz einfach erklären. „Es sind die Stimmen, die ihm nicht passen.“ Trump sei scheinheilig, Scheinheiligkeit sei schon immer seine Masche gewesen, wirft Mark Holman ein, ein Mittvierziger aus West Virginia. „Aber jetzt faselt er nur noch dummes Zeug.“ So wie Holman das sagt, ganz ruhig, ohne die Stimme zu heben, klingt es mehr nach Mitleid als nach Protest.

George Conway sieht es genauso, man kann es am Freitag in einem Gastbeitrag für die Washington Post nachlesen. Conway ist mit Kellyanne Conway verheiratet, einer schlagfertigen Frau, die ab Januar 2017 bis kurz vor der Wahl so etwas wie die Spin-Meisterin des Weißen Hauses war, stets bereit, den Präsidenten zu verteidigen. Er selbst ist Republikaner, berät das Lincoln Project, eine Initiative ehemaliger republikanischer Wahlkampfstrategen, die beißend ironische Werbespots produzierten, um vor der Wiederwahl Trumps zu warnen. Dass sich der Protest in den Reihen der Konservativen nicht auf das Lincoln Project beschränkt, erkennt man schon an dem offenen Brief, den 19 Staatsanwälte des amerikanischen Bundes unterzeichneten. Sie sähen sich gezwungen, ihre Meinung zu sagen, beginnen sie. Was Trump über vermeintlichen Wahlbetrug in Pennsylvania und anderswo in die Welt setze, sei unbegründet und verantwortungslos. Haltlose Anschuldigungen sowie das Drohen mit Klagen, um die Auszählung zu stoppen, hätten das Potenzial, den Rechtsstaat zu untergraben. „Die Welt schaut zu, und unsere Legitimation, eine Nation des Rechts zu sein, hängt davon ab, ob wir das hier richtig machen.“

Jeff Flake, bis vor zwei Jahren republikanischer Senator, ruft seine Parteifreunde auf, endlich Farbe zu bekennen. Sie müssten aus der Deckung kommen, bevor die Institutionen Schaden genommen hätten, fordert er in einem Tweet. „Die Zeit ist jetzt.“ Im Moment sieht es nicht so aus, als würden sich die Parteifreunde beeilen, Farbe zu bekennen. Mitch McConnell, die Nummer eins im Senat, hielt sich am Freitag noch alle Optionen offen. „In unserem großartigen Land funktioniert es so: Jede legale Stimme sollte gezählt werden, jede illegal abgegebene Stimme darf nicht gezählt werden“, twitterte er. „Und die Gerichte sind dazu da, Streitigkeiten zu regeln.“

Bei MSNBC, dem Lieblingssender linksliberaler Amerikaner, kann man Steve Kornacki bei der Arbeit zuschauen. Kornacki ist Kult, was auch daran liegt, dass er immer weitermacht, seit Dienstagabend schon, mit kurzen Pausen dazwischen, ohne Ermüdungserscheinungen erkennen zu lassen. „Ver­gesst das mit dem Schlafen“, schrieb er am frühen Freitagmorgen in einem Tweet. „Es kommen noch Stimmen aus Pennsylvania rein. Bin gleich zurück im Studio.“ Kornacki, kann man sagen, ist der Anker im Sturm. Die Konstante im Wechselbad der Gefühle.

Wenn er auf Sender ist, tippt er auf einen Computermonitor von beeindruckenden Ausmaßen, tippt auf Bundesstaaten, tippt in Pennsylvania, Georgia, Arizona auf einen Landkreis, in dem noch Stimmen ausstehen. Bei Kornacki konnte man in Echtzeit verfolgen, wie Joe Bidens Vorsprung in Arizona dahinschmolz, je mehr Stimmen ausgezählt wurden, während er den Rückstand in Georgia und Pennsylvania verkürzte. Bis er am Freitagmorgen in den beiden Staaten  vorn lag. Und wie es aussieht, hat der Herausforderer das Votum gewonnen.