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Wie konnte ein Fall Lügde passieren?

Missbrauchsskandal : Wie konnte ein Fall Lügde passieren?

Über Jahre wurden Kinder auf einem Campingplatz sexuell missbraucht. Ein Fall, der kritische Fragen aufwirft – auch nach dem Jugendamt.

(dpa/SZ) Sexuelle Gewalt gegen Kinder. Gegen viele Kinder, gegen kleine Kinder. Über zehn Jahre hinweg, tausendfach. Die jüngsten Opfer waren gerade mal vier, als sie in einer heruntergekommenen Unterkunft auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Örtchen Lügde bei Detmold missbraucht wurden. Erschütternd sind die Taten, drastisch die Ausmaße. Am Tag danach werden vor allem Fragen laut. Wie konnte das geschehen? Wie schützt man seine Kinder? Was macht die Politik? Und: Wieso kann der Mann, der im Zentrum der Vorwürfe steht, ein Pflegevater sein? Hat das Jugendamt nicht sorgfältig genug ausgewählt und kontrolliert?

Nicht zum ersten Mal stellt sich nach schrecklichen Geschehnissen die Frage nach Versäumnissen durch Jugendämter. Auch 2012 war es so, als die elfjährige Chantal aus Hamburg in einer Pflegefamilie an einer Methadonvergiftung starb, weil die Pflegeeltern Drogen nahmen.

Der Fall Lügde macht am Donnerstag auch im Saarland betroffen. Unwillkürlich stelle man sich „die Frage, ob die eigenen Standards ausreichen“, sagt Beate Brand vom Jugendamt des Regionalverbands Saarbrücken. Und sie bejaht. „Unsere hier reichen aus, denn sie sind sehr hoch“, sagt die Abteilungsleiterin Sozialer Dienst, Pflegekinderdienst und Adoptionsvermittlung. Wie hoch Kriterien und Kontrollen sind, hänge aber vom Jugendamt ab. Es gebe zwar Richtlinien, aber auch „Unterschiedlichkeiten“. Der Fall Lügde wäre „bei uns nicht möglich“ gewesen, sagt Brand in voller Überzeugung. Das System im Regionalverband, wo zurzeit rund 200 Kinder in Vollzeitpflegefamilien leben, sei „engmaschig, passgenau und nah dran“. Allein der Faktor „dauerhafte Unterkunft auf einem Campingplatz“ widerspreche einer kindgerechten Umgebung, um die sich alles drehe. Brand: „Nicht jeder bekommt ein Pflegekind.“ Zwar melden sich Interessierte von sich aus beim Jugendamt. Dann aber erfolge ein „langes Bewerbungsprozedere“ mit Einkommensnachweisen, erweiterten Führungszeugnissen, Gesundheitszeugnissen, Bewerberbögen, Hausbesuchen, Überprüfungen des Wohnraums, ein Bewerberseminar. Dann folge eine mehrmonatige „Anbahnungsphase“, bevor ein Pflegeverhältnis beginne, „in dem es auch regelmäßig Kontrollen und Gespräche gibt“. Vor diesem Hintergrund sei ein Fall Lügde unverständlich.

Die Frage nach dem Wie-konnte-das-passieren wird in Fällen wie Lügde, wo neben dem Pflegekind auch viele andere die Opfer sind, generell erschwert durch das Vorgehen der Täter. Ein großes Problem ist das meistens geschickte, perfide Vorgehen bei sexueller Gewalt gegen Kinder, warnen Experten. „Die Täter bauen über Monate hinweg eine Beziehung auf, bieten Zuwendung an und nehmen sich viel Zeit“, sagt der Chef der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker. „Diese Leute gehen hoch manipulativ vor und setzen die Kinder auch erheblich psychisch unter Druck.“ Nach dem Motto: Wenn du zu Hause was erzählst, stecken sie dich ins Heim.

Auch in Lügde waren die Verdächtigen skrupellos wie strategisch vorgegangen. Die Kinder sollten sich wohlfühlen, es gab Besuche im Freizeitpark. Die Pflegetochter des 56-jährigen Hauptverdächtigen musste als Lockvogel herhalten. Auf dem Campingplatz sollen der 56-Jährige und ein 33-Jähriger die Kinder seit 2008 wechselweise missbraucht und dabei gefilmt haben. Ein dritter Verdächtiger soll Auftraggeber gewesen sein. Mehr als 1000 Fälle werden ihnen vorgeworfen. Die Männer sitzen in Untersuchungshaft.

„Sexuelle Gewalt hinterlässt sehr selten sichtbare Spuren am Körper und ist daher schwer zu beweisen“, sagt Kinderhilfe-Chef Becker. Die Polizei bräuchte mehr Personal. „Und die Jugendämter haben große personelle Defizite, die sind runtergespart worden ohne Ende.“ Zudem sieht Becker eine „ganz erhebliche politische Vernachlässigung“, dass man Internetanbieter nicht verpflichte, kinderpornografische Inhalte im Netz an das Bundeskriminalamt zu melden.

Ebenfalls deutlich wird Johannes-Wilhelm Rörig, Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Missbrauchs, der eine solche Meldepflicht für Provider schon länger verlangt. „Ich setze sehr darauf, dass dieser monströse und tragische Fall die große Koalition jetzt wachrüttelt und sie endlich dafür die Gesetzespflicht einführt, die wir dringend brauchen.“ Auch die Landesregierung Nordrhein-Westfalens sei gefordert, sagt Rörig: Sie müsse aufklären, „ob es persönliches, behördliches oder strukturelles Versagen war.“ Er plädiert für eine Kinderschutz-Kommission, die alle offenen Fragen aufarbeitet – zusätzlich zu den strafrechtlichen Ermittlungen.

Auch Eltern sollten sich ihrer Verantwortung bewusst und wachsam sein, unterstreicht der Deutsche Kinderschutzbund. „Es macht nachdenklich, dass sehr kleine Kinder unter den Opfern sein sollen. Dass man sie unbeaufsichtigt und immer wieder auf einen Campingplatz gehen lässt, wirft auch die Frage nach der Aufsichtspflicht auf“, sagt Vize-Geschäftsführerin Martina Huxoll-von Ahn.